9. Juni 2026

Israel plant Konzentrationslager in Gaza

Israel plant unter der Leitung von Verteidigungsminister Israel Katz die Errichtung einer sogenannten „humanitären Stadt“ im Süden des Gazastreifens – konkret auf den Trümmern der nahezu vollständig zerstörten Stadt Rafah. Dieses Lager soll Platz für bis zu 600.000 palästinensische Vertriebene bieten. Ziel sei laut Katz, die Zivilbevölkerung aus anderen Teilen Gazas zu „konzentrieren“, um ihre „Versorgung sicherzustellen“ und zugleich den „Wiederaufbau von Hamas-Strukturen“ zu verhindern. Die Palästinenser:innen sollen dabei strengen Sicherheitskontrollen unterliegen und das Lager nicht frei verlassen dürfen. Eine Ausreise wäre also nur im Rahmen einer Emigration in Drittstaaten möglich.

Die Reaktion des Westens auf diesen Plan ist wie gewohnt entlang der Linien politischer Opportunität, moralischer Ambivalenz und strategischer Interessen gespalten: Während einzelne Stimmen in Medien und Zivilgesellschaft vorsichtige Kritik äußern, bleibt die Politik wie gewohnt still.

Dabei sind diese Pläne der israelischen Regierung alarmierend und zeigen deutlich, dass ihr genozidales Vorhaben in seine abschließende Runde geht: Das Lager in Rafah ist kein humanitärer Zufluchtsort, sondern ein politisches Instrument, um den Genozid an den Palästinenser:innen weiterzuführen: Indem Israel die Palästinenser:innen in ein geschlossenes, durchmilitarisiertes System drängt, zerstört es nicht nur ihre physischen Lebensgrundlagen, sondern auch jede Form kollektiver Selbstbestimmung. Was entsteht, ist kein „humanitärer“ Schutzraum, sondern ein Bereich systematischer Entpolitisierung: Aus einer ganzen Bevölkerung wird eine abhängige, kontrollierte Menschenmenge ohne Stimme und Rechte. Gleichzeitig ermöglicht das Lager eine moralische Umkehr des Narratives – der Staat, der Vertreibung und Zerstörung betrieben hat, inszeniert sich nun als Retter, der die „Versorgung“ der Palästinenser:innen sicherstellen möchte. 

Die naheliegende Frage, warum hunderttausende Palästinenser:innen überhaupt auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, wird kaum gestellt. Diese Notlage ist nicht das Ergebnis einer Naturkatastrophe oder eines unvorhergesehenen Unglücks, sondern das Ergebnis jahrelanger systematischer Gewalt: Bombardements, Blockadepolitik, die Zerschlagung ziviler Infrastruktur – all das hat ein Leben in Palästina unmöglich gemacht. Die „humanitäre Stadt“, das geplante Konzentrationslager, ist somit nicht eine Antwort auf die Probleme, sondern deren Zuspitzung.

Dass westliche Regierungen dabei nicht nach der Ursache fragen, sondern nur über Hilfslieferungen und Menschenrechtsstandards diskutieren, folgt der bekannten Logik: Kategorien wie Täter, Opfer und Verantwortlichkeit verschwinden hinter abstraktem Gerede von Katastrophenbewältigung. Zurück bleibt ein entleerter Begriff von Hilfe: eine Hilfe, die das Leid verwaltet, ohne es zu beenden, die Zustände stabilisiert, die sie angeblich bekämpfen will.

Diese Konstruktion der Palästinenser:innen als passive, hilfsbedürftige Masse legitimiert wiederum das Lager selbst. Wer nur als „Hilfsbedürftiger“ bekannt ist, dem kann leicht abgesprochen werden, ein politisches Subjekt mit Geschichte, Teilhabe und Widerstandskraft zu sein. Und genau das ist das Ziel: Nicht nur das Land selbst soll zerstört, enteignet und neu geordnet werden, auch die kollektive Identität der Palästinenser:innen soll ausgelöscht werden. 

Das Lager in Rafah ist kein Schutz, sondern Kontrolle, keine humanitäre Hilfe, sondern die Fortsetzung einer Politik der ethnischen Säuberung. Das geplante Konzentrationslager in Rafah ist der Versuch, ein verfolgtes Volk endgültig seiner kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Existenz zu berauben und es in einen Zustand dauerhafter Abhängigkeit zu drängen. Die westliche Duldung dieser Politik zeigt, wie sehr Menschenrechte zur taktischen Vokabel verkommen sind, wenn sie geopolitischen Interessen im Weg stehen. Was hier als „humanitäre Stadt“ bezeichnet wird, ist in Wahrheit ein Ort der Entmündigung, gebaut auf den Ruinen eines Landes, das seit 78 Jahren systematisch bekämpft und ausgelöscht wird.