13. Mai 2026

Zwei Tote auf der Grimmaischen Straße: Was die Amokfahrt in Leipzig über die Abwärtsspirale des Kaputtsparens zeigt

Es war ein gewöhnlicher Montagnachmittag in der Leipziger Innenstadt. Gegen 16:45 Uhr bog ein PKW am Augustusplatz in die Grimmaische Straße ein – eine belebte Fußgängerzone – und erfasste mehrere Passant:innen. Zwei Menschen starben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Der Tatverdächtige ist ein 33-Jähriger aus Leipzig. Die leitende Oberstaatsanwältin Claudia Laube erklärte noch am Abend: „Wir gehen von einer Amoktat aus.“

Medienberichten zufolge soll der Mann erst am Tag der Tat aus einer psychiatrischen Klinik entlassen worden sein. Aktuell wird ein politisches oder religiöses Motiv ausgeschlossen; in den Medien gibt es zunehmend Berichte über den labilen psychischen Gesundheitsszustands des Mannes. 

Ein System, das sich selbst demontiert

Auf sämtlichen Social Media Plattformen wurde viel über Staatsangehörigkeit und Motiv des Mannes spekuliert. Es ist mittlerweile zu einem Automatismus geworden, dass Taten dieser Art grundsätzlich rechten Kräften in die Hände spielen – selbst dann, wenn der Täter gar nicht dem Typus des durchschnittlichen Hassobjekts rechter Populist:innen entspricht. Die Wahrheit ist in diesen Szenarien egal geworden. Was zählt ist der Umstand, dass „Deutschland nicht mehr sicher“ sei und Migrant:innen das Problem seien. Dementsprechend ist es umso wichtiger, jede dieser schrecklichen Taten für sich zu erfassen und einzuordnen.

Denn wenn ein Mensch, der psychiatrisch behandelt wurde und möglicherweise in einer akuten Krise steckte, binnen Stunden nach seiner Entlassung mehrere Menschen tötet, dann ist es nicht damit getan, nach Hautfarbe und Herkunft zu fragen. Die Frage ist: Was für ein Gesundheitssystem haben wir, dass es Menschen in einem gefährlichen mentalen Zustand keine ausreichende Hilfe zukommen lässt und sie stattdessen sich selbst überlässt?

Dass das deutsche Gesundheitssystem desolat ist, ist absolut keine Streitfrage. Fast jede Person ist von langen Wartezeiten, schlechter Diagnostik und hohen Zuzahlungen zu Behandlungen und Medikamenten betroffen. Dies gilt eben auch für psychische Gesundheitsversorgung, denn sie ist unter kapitalistischen Verhältnissen ein schlechtes Investment für Staat und pharmazeutische Unternehmen: Sie ist teuer, langwierig und oftmals gibt es keine richtige Perspektive für Heilung. Viele Menschen mit psychischen Problemen sind kurzzeitig oder dauerhaft arbeitsunfähig. Deswegen fehlen hier strukturell Finanzierung und Ressourcen – ausgebadet wird das ausschließlich von den Patient:innen. 

Durch die neuen Gesetzesregelungen, bessert sich die Lage eher nicht: Zum 1. April 2026 wurde die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen pauschal um 4,5 Prozent abgesenkt. Ende April verabschiedete das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf, der die Leistungsausgaben der Krankenkassen um mehr als elf Milliarden Euro kürzen soll. Gestrichen werden unter anderem die psychotherapeutische Kurzzeitbehandlung und die offene Sprechstunde – also genau die Leistungen, die schnell und niedrigschwellig sind. 

Die Folge ist absehbar: Therapieplätze werden künftig noch stärker nach verfügbaren Budgetmitteln vergeben, statt nach Notwendigkeiten. Monatelange Wartezeiten und überfüllte Kliniken prägen die Versorgungslandschaft bereits heute. Aus diesem Grund können sich Fälle wie in Leipzig auch weiter häufen. Privatversicherte werden diese Kürzungen nicht treffen. Betroffen sind ausschließlich Psychotherapeut:innen mit Kassensitz – und damit ihre Patient:innen aus der gesetzlichen Krankenversicherung.

Was bleibt?

Sachsens Ministerpräsident Kretschmer erklärte, der Rechtsstaat werde „mit aller Konsequenz handeln.“- Was sollte er auch sonst sagen? Repression ist die einzige Antwort, die der Staat kennt. Der Kapitalismus produziert strukturell Krisen – wirtschaftliche und gesundheitliche. Von Politiker:innen ist in solchen Momenten nichts anderes zu erwarten als leere Phrasen, weil sie keinen Anreiz haben, das System zu beseitigen, von dem sie so sehr profitieren. Die Leidtragenden dieses Systems und seiner Folgen haben alle Gründe, für eine bessere Welt zu kämpfen, in der Menschen, die eine Gefahr für sich und andere sind, die Hilfe bekommen, die sie brauchen.