Seit der sogenannten Waffenruhe, die im letzten Oktober in Kraft trat, ist Palästina aus der medialen Berichterstattung weitgehend verschwunden. Diese Stille ist aber trügerisch, denn ein Lagebericht des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) vom 27. März 2026 zeigt: In weniger als drei Monaten wurden fast 1700 Palästinenser:innen im Westjordanland vertrieben – mehr als im gesamten Jahr 2025. Seit 2023 wurden 38 palästinensische Gemeinden vollständig entvölkert; es gab über 150 Siedler:innenangriffe in einem einzigen Monat, mehr als sechs pro Tag.
So erschreckend diese Zahlen sind: Man muss sich darüber bewusst sein, dass sie nur die Spitze des Eisbergs zeigen. OCHA ist kein unabhängiger Beobachter; es ist ein Organ der Vereinten Nationen, die ihrerseits eine zwischenstaatliche Organisation sind, in der die USA seit Jahrzehnten jeden Versuch, Israel im Sicherheitsrat zur Rechenschaft zu ziehen, per Veto blockiert haben. Die Zahl 1700 ist deshalb keine besonders realistische Zahl, sie ist höchstens eine Untergrenze; also das Minimum dessen, was selbst unter diplomatischen Beschränkungen nicht wegzudiskutieren war. Die tatsächliche Dimension der Vertreibung ist um Mengen größer.
Welche Funktion erfüllt die Waffenruhe und was passiert aktuell in Gaza?
Der Begriff „Waffenruhe“ suggeriert, dass in Palästina aktuell eine Unterbrechung der Gewalt stattfindet. Weil aktuell fast keine der schrecklichen Bilder von verletzten und toten Menschen oder zerstörter Infrastruktur in den Medien zu sehen sind, kommt hierzulande das Gefühl auf, dass das Schlimmste nun vorbei sei. Aber das täuscht, denn der Genozid, den Israel an den Palästinenser:innen begeht, läuft ununterbrochen weiter. Neben dem Fakt, dass trotz „Waffenruhe“ seit Oktober 2025 mindestens 673 Menschen in Palästina durch die Hände und Waffen israelischer Soldaten ermordet wurden, ist das nicht die einzige Gewalt, mit der die Vertreibung der Palästinenser:innen durchgeführt wird.
Innerhalb der Gesellschaft war die Waffenruhe lange Zeit das Hauptziel. Über zwei Jahre forderte man ein Schweigen der Waffen und jetzt, wo es dieses Schweigen formal auch gibt, schweigen eben nicht nur die Waffen, sondern auch die Medien. Die Waffenruhe hat die Situation der Palästinenser:innen nicht verbessert, weil die israelische Regierung jetzt im Windschatten der Medien unbeobachtet das weiterführen kann, was sie letztlich seit 1948 planen: die Vernichtung und Vertreibung der Palästinenser:innen aus Palästina.
Aktuell leben rund 700 000 Siedler:innen in illegalen Siedlungen im Westjordanland und in Ostjerusalem – das entspricht knapp 10% der israelischen Bevölkerung. Die Siedlungsbevölkerung hat sich in den letzten 35 Jahren rapide vergrößert. Staatsausgaben pro Kopf in den Siedlungen sind doppelt so hoch wie für israelische Bürger:innen in Tel Aviv und Jerusalem; in isolierten Siedlungen sogar dreimal so hoch. Israels Regierung wird von Hardlinern der Siedler:innenbewegung dominiert, darunter Finanzminister Bezalel Smotrich und Kabinettsminister Itamar Ben-Gvir.
Von den Siedler:innen geht massivste Gewalt aus: Zugänge zu Wasserversorgung werden zerstört, Brunnen blockiert, Pumpstationen angegriffen. Olivenhaine, die seit Generationen denselben Familien gehören, werden in der Erntezeit durch Blockaden der Siedler:innen unzugänglich gemacht oder komplett niedergebrannt. Weideflächen werden besetzt, Zufahrtswege gesperrt, Familien durch Übergriffe terrorisiert. Diese Gewalt ist fest eingebettet in das staatliche System Israels, das die Siedler:innen nicht nur duldet, sondern auch mit Waffen ausrüstet, sie finanziert und ihnen Straffreiheit ermöglicht. Es ist gar nicht möglich, die Kriegsverbrechen Israels von der Gewalt der Siedler:innen zu trennen – es handeln dort de facto die gleichen Akteure.
Deswegen ist es nach wie vor wichtig, genau hinzuschauen, was in Palästina passiert. Die Stille der Medien ist kein Zeichen dafür, dass die Menschen in Palästina nicht tagtäglich Gewalt und Schikane ausgesetzt sind. Im Gegenteil: diese Stille ermöglicht die Gewalt erst, denn ohne Öffentlichkeit gibt es keinen Druck, ohne Druck keine Konsequenzen und ohne Konsequenzen hat die völkermörderische zionistische Regierung freie Hand, ohne sich jemals für das erklären zu müssen, was sie tut. Der Genozid ist nicht vorbei, er läuft weiterhin durch die immense Gewalt, die seit jeher von den Siedler:innen ausgeht.
