Bei dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024 kamen fünf Menschen ums Leben; über 200 weitere wurden verletzt. Obwohl der Attentäter sich in den sozialen Medien deutlich als islamophober, rechtsradikaler AfD-Anhänger zu erkennen gab, nutzten Faschist:innen das Attentat in den vergangenen Tagen für ihre Agenda.
Als klar wurde, dass es sich bei dem Attentäter um den saudiarabischen Psychiater Taleb Al-Abdulmohsen handelte, wurde unmittelbar nach der Tat in den sozialen Medien eine Welle von Hass und Hetze gegen Migrant:innen losgetreten. Insbesondere die Plattform X wurde von Hassbotschaften überschwemmt: So bezeichnete Elon Musk die AfD als die »einzige Hoffnung« und forderte in einer Reihe von Tweets den Rücktritt von Bundeskanzler Scholz. Der österreichische Faschist Martin Sellner, Anführer der Identitären Bewegung, verbreitete Falschinformationen über die Tat. Er sprach von elf Toten, Sprengstoff in Fahrzeugen und mehreren flüchtigen Tätern und behauptete, der Attentäter sei ein Syrer.
Die sozialen Medien spielten in den vergangenen Tagen eine zentrale Rolle bei der Mobilisierung von Rechtsradikalen. Bereits am Abend nach dem Attentat versammelten sich mehrere hundert Neonazis zu einer von der Partei „Die Heimat“ (ehemals NPD) organisierten Veranstaltung. Die Demonstrierenden zogen zum Hasselbachplatz, wo sie vor allem »Remigration« und »Widerstand« forderten.
In den Tagen seit dem Angriff zeigt sich deutlich: Die rechte Hetze wirkt. Vermeintliche Migrant:innen werden auf offener Straße beleidigt, bespuckt und körperlich angegangen. Sie werden als „Terroristen“ und „Verbrecher“ beleidigt und sind gezwungen, sich in den sozialen Medien gegenseitig vor Angriffen zu warnen; viele meiden die Öffentlichkeit komplett. Auch der Verband „Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA)“ gab am 23.12. eine Warnung an Menschen mit Migrationshintergrund heraus: „Angesichts der gefährlichen Lage warnt LAMSA vor einer drastischen Zunahme von rassistischen Angriffen in Magdeburg und rät Menschen mit Migrationsgeschichte dringend davon ab, sich alleine und in den Abendstunden durch die Stadt zu bewegen.“
Der Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt und die darauf folgende Instrumentalisierung durch rechtsradikale Akteure zeigen deutlich, wie Nationalismus und Rassismus im Kapitalismus gezielt genutzt werden, um die Arbeiter:innenklasse entlang ethnischer und kultureller Linien zu spalten. Anstatt sich mit den sozialen Ursachen von Ungleichheit und Ausbeutung auseinanderzusetzen, wird die Schuld systematisch auf Minderheiten abgewälzt. Dass der Attentäter offen rechtsradikale und islamfeindliche Ansichten vertrat, wurde von rechten Stimmen bewusst ignoriert, um die Tat in eine rassistische Propaganda einzuflechten. Diese Strategie zeigt, wie flexibel rechte Ideologien in der Interpretation von Ereignissen sind, solange sie zur Förderung ihrer Agenda dienen.
Eine zentrale Rolle spielte hier die Verbreitung solcher Narrative über soziale Medien. Plattformen wie „X“, kontrolliert von Milliardären wie Elon Musk, bieten nicht nur eine Infrastruktur für die Verbreitung von Desinformation, sondern fördern gezielt polarisierende Inhalte, die Hass und Spaltung begünstigen. Die Aussagen Musks sind dabei kein Einzelfall. Sie stehen exemplarisch für die zunehmende Bereitschaft einflussreicher Akteure aus Wirtschaft und Medien, rechte Positionen nicht nur zu tolerieren, sondern aktiv zu unterstützen und gesellschaftlich salonfähig zu machen.
Letztlich handeln soziale Medien nicht neutral, sondern sind integraler Bestandteil eines Systems, das wirtschaftliche und politische Macht miteinander verbindet. Indem sie rechte Mobilisierungen unterstützen, tragen sie dazu bei, die bestehenden kapitalistischen Machtverhältnisse zu sichern. Dieses Zusammenspiel zwischen wirtschaftlichen Interessen und reaktionären Ideologien verdeutlicht, dass der Kampf gegen Faschismus untrennbar mit dem Kampf gegen das kapitalistische System verbunden ist.
