Seit Ende November ist der jahrelang ruhende Bürgerkrieg in Syrien wieder aufgeflammt und die Ereignisse überschlagen sich: Kämpfer der Hayat Tahrir al-Sham (HTS) hatten Ende November begonnen, Stellungen der syrischen Armee einzunehmen, seit Samstagnacht ist nun auch Damaskus in ihrer Hand. Präsident al-Assad soll das Land verlassen haben.
Die HTS ist eine dschihadistische Organisation mit Al-Qaida-Wurzeln (ehemals Al-Nusra-Front) und hat nun zusammen mit der von der Türkei unterstützten „Syrischen Nationalarmee“ entscheidende militärische Erfolge erzielt. Innerhalb weniger Tage eroberten sie Aleppo, Hama und andere strategisch wichtige Orte. Zuletzt drangen sie in Homs und Damaskus ein, was das Ende der Assad-Regierung bedeuten könnte. Syrien befindet sich im Kreuzfeuer eines Stellvertreterkrieges zwischen imperialistischen Kräften und ihren Sympathisanten, der auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen wird.
Die dschihadistischen Kämpfer der HTS werden vor allem von der Türkei mit Waffen und Ressourcen versorgt, gleichzeitig besteht eine strategische Kooperation mit Israel, das die Offensive der HTS durch Luftangriffe auf Stellungen der syrischen Armee unterstützt. Israel hat bereits in früheren Phasen des Krieges durch Angriffe auf die syrische Armee und die medizinische Versorgung dschihadistischer Kämpfer kooperiert. Auch die USA unterstützten in der Vergangenheit immer wieder Rebellen gegen die syrische Regierung, wie aus einer von Wikileaks veröffentlichten E-Mail des damaligen Sicherheitsberaters des US-Außenministeriums, Jake Sullivan, hervorgeht. Das Hauptaugenmerk der USA lag aber vor allem auf den YPG-nahen, kurdisch geführten SDF (Syrische Demokratische Kräfte), da sich die USA durch diese Kooperation die Kontrolle über die Ölvorkommen im Nordosten Syriens gewiss sein konnten. Hier prallen die Interessen der Türkei und der USA hart aufeinander: Die Türkei sieht in der YPG einen Ableger der PKK, die sie als Terrororganisation einstuft und daher mit allen Mitteln bekämpfen will. Darüber hinaus unterstützt und trainiert die USA, schon seit 2013, die Freie Syrische Armee (FSA), die aus 1000 bis 1500 desertierten syrischen Soldaten besteht. Sie kämpften seit ihrer Gründung meist gegen die kurdische SDF. Die FSA ist nun an der Seite der HTS an der Damaskus-Offensive beteiligt gewesen.
Die von Assad angeführte Regierung konnte sich in früheren Stadien des Krieges nur dank der enormen militärischen Unterstützung ihrer Verbündeten Russland, Iran und der libanesischen Hisbollah durchsetzen. Für den Iran ist Syrien ein zentrales Bindeglied zur Hisbollah im Libanon. Russland wiederum verspricht sich durch seine Intervention nicht nur eine ihm wohlgesonnene Regierung, sondern auch eine verstärkte militärische Präsenz in der Region – insbesondere im wichtigen Marinestützpunkt Tartus.
Dieser Stellvertreterkrieg läuft zulasten der Arbeiter:innenklasse, die, egal wer ihn gewinnt, nur verlieren kann. Dschihadistische Gruppen, die von der Türkei und Israel unterstützt werden, bedrohen Frauen, religiöse Minderheiten und Arbeitnehmer:innenrechte. Ihre Herrschaft würde die Zerstörung des Landes und die Spaltung der Gesellschaft nur ausweiten. Außerdem schwächt der Sieg reaktionärer Kräfte den palästinensischen Befreiungskampf und stärkt Israel. Nur eine vereinte syrische Bevölkerung kann die imperialistischen und reaktionären Kräfte besiegen, um eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen und die ethnischen und religiösen Spaltungen zu überwinden.
