13. Mai 2026

Der Fall Ulmen/Fernandes: Digitale Gewalt in der patriarchalen Gesellschaft

Sie wurden als postmoderne Bilderbuch-Ehe bezeichnet: Collien Fernandes, die vielseitige Moderatorin, und Christian Ulmen, der smarte Schauspieler und Produzent. Gemeinsam standen sie für Werbekampagnen vor der Kamera, spielten in der Serie Jerks ein zerstrittenes, aber verbundenes Paar. Seit Donnerstag ist die Fassade zerbrochen. Fernandes hat öffentlich gemacht, was sie als virtuelle Vergewaltigung bezeichnet. Die Vorwürfe, die sie in einem 40-seitigen Schriftsatz beim Bezirksgericht in Palma de Mallorca eingebracht hat, sind von einer Qualität, die weit über den klassischen Promi-Trennungsstreit hinausgeht. Es geht um systematischen Identitätsdiebstahl über ein Jahrzehnt, um Fake-Profile, um Deepfake-Pornos und um eine ausgedachte Gruppenvergewaltigung, die in ihrem Namen Männern per Chat geschickt worden sein soll. Zu Weihnachten 2024 soll Ulmen schließlich seiner damaligen Frau gebeichtet haben, dass er für die im Netz kursierenden Inhalte verantwortlich sei.

Der Fall verdeutlicht sofort die juristische Situation in Deutschland. Fernandes reichte nicht in Deutschland, sondern in Spanien Anzeige ein – eine bewusste Entscheidung. In den tagesthemen nannte sie Deutschland ein absolutes „Täterparadies“. Während in Spanien spezialisierte Gerichte für Gewalt gegen Frauen seit 2025 auch explizit digitale Gewalt umfassen, hinkt die deutsche Gesetzgebung hinterher. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) kündigte zwar an, die Strafbarkeitslücken bei pornografischen Deepfakes schließen zu wollen, doch der Fall Fernandes zeigt das Dilemma vieler Betroffener: Selbst wenn eine Anzeige erstattet wird, bleiben die Täter oft unerreichbar oder die Verfahren werden eingestellt. Fernandes selbst berichtet von einer ersten Anzeige gegen Unbekannt in Berlin, die fallengelassen wurde, weil es keine Ermittlungsansätze gab.

Vor allem für Betroffene ist dieser Fall ein Kristallisationspunkt mehrerer tiefer liegender Probleme. Er zerstört das Narrativ, dass digitale Gewalt immer von anonymen Personen im Darknet ausgehe. Jedoch ist es oft die private, vermeintlich sichere Umgebung, in der solche Übergriffe stattfinden. Die Tatsache, dass Fernandes nach Spanien ausweichen musste, um vermeintlich besseren Rechtsschutz zu erhalten, entlarvt einmal mehr den angeblichen deutschen Rechtsstaat. Die Reaktionen der Wirtschaft und Sender sind gemischt. Während die Shop Apotheke Werbung pausiert und Joyn die Serie Jerks offline nahm, hält die ARD vorerst an den „Tatort“-Wiederholungen fest. Diese selektive Distanzierung zeigt, dass die Branche erst reagiert, wenn der öffentliche Druck zu groß wird – nicht unbedingt aus Überzeugung.

Die Ermittlungen in Spanien sind nicht abgeschlossen; aktuell gilt die Unschuldsvermutung. Fernandes betont, ihr Schweigen gebrochen zu haben, auch wenn sie weiß, dass sie sich damit angreifbar macht. Die Scham müsse die Seite wechseln, zitierte sie sinngemäß den Fall Gisele Pelicot, der in Frankreich für eine ähnliche gesellschaftliche Zäsur sorgte. Doch was bleibt, ist ein ambivalentes Bild. Einerseits erhält Fernandes massiven Zuspruch – Prominente wie Ricarda Lang, Motsi Mabuse und Luisa Neubauer solidarisieren sich öffentlich. Andererseits steht Ulmens Anwalt in den Startlöchern, um gegen die Verdachtsberichterstattung vorzugehen. 

Der Fall Ulmen/Fernandes symbolisiert wie viele andere Fälle die dreckigsten Seiten der zutiefst patriarchalen kapitalistischen Gesellschaft. Systematische Ausbeutung und Degradierung der Frau durch Sexismus, Objektifizierung und Prostitution prägt das gesellschaftliche Denken und reproduziert tagtäglich Verbrechen, die bis zum Mord reichen. In diesem Sinne ist es nicht verwunderlich, dass die Systemjustiz nicht konsequent gegen die selbstverursachten Symptomatiken vorgeht.