Nach einer faschistischen Provokation in der französischen Stadt Lyon ist der Tod des 23-jährigen Rechtsradikalen Quentin Deranque am 14. Februar zu einer Hetz- und Lynchkampagne gegen Antifaschist:innen sowie die linke Opposition instrumentalisiert worden.
Am 12. Februar kam es in Lyon vor einer Konferenz an der Universität Sciences Po Lyon zu Spannungen. Die palästinensisch-französische Abgeordnete von La France insoumise (LFI), Rima Hassan, war von Studierenden eingeladen worden. Die Veranstaltung sollte von dem in Frankreich aktiven rechtsradikalen und rassistischen Frauenkollektiv Némésis sowie von mit ihm verbundenen neo-nazistischen und faschistischen Gruppen provoziert werden.
Nach darauffolgenden Auseinandersetzungen erlag der 23-jährige Quentin Deranque zwei Tage später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Quentin stand bekanntermaßen in Verbindung mit zahlreichen rechtsradikalen Kollektiven wie Action Française. Die genaue Todesursache ist bis heute von den Justizbehörden nicht bekannt gegeben worden. Im Zuge der Ermittlungen wurden bislang insgesamt elf Personen festgenommen; wer unmittelbar für den Tod verantwortlich ist, ist weiterhin ungeklärt. Dennoch wurde der Vorfall von Beginn an als „antifaschistischer Lynchmord“ dargestellt und zum Ausgangspunkt einer politischen Anschuldigungskampagne gemacht.
LFI und La Jeune Garde im Visier
An erster Stelle der Angegriffenen steht die parlamentarische Linkspartei La France insoumise (LFI). Obwohl LFI eine legale, im Parlament vertretene Partei ist, wurde sie kürzlich vom französischen Senat der Kategorie „ultralinks“ zugeordnet und damit stigmatisiert. Dieser Schritt der Regierung wird als Versuch gewertet, La France insoumise im Vorfeld der im kommenden Monat stattfindenden Kommunalwahlen zu marginalisieren. Ebenso wurde das antifaschistische Jugendkollektiv La Jeune Garde (Die Junge Garde), das von der Regierung für den Tod Quentin Deranques verantwortlich gemacht wird, bereits im vergangenen Jahr per Verwaltungsentscheid und ohne gerichtliches Urteil aufgelöst.
Nach dem Tod Quentin Deranques beschränkte sich Präsident Emmanuel Macron auf Appelle zu „Ruhe und Besonnenheit“, während Justizminister Gérald Darmanin das Kollektiv offen ins Visier nahm und erklärte: „La Jeune Garde tötet.“ Ein Assistent von Raphaël Arnault, einem der Gründer von La Jeune Garde und Abgeordneten von La France insoumise, wurde festgenommen.
In der Folge wurde in der französischen Nationalversammlung eine Schweigeminute für Quentin Deranque abgehalten. Damit fand erstmals seit 1944 eine offizielle Gedenkminute im Parlament für eine Person statt, die mit dem radikal rechten Milieu in Verbindung stand.
Faschistische Angriffe gehen weiter
Das so geschaffene politische Klima ließ faschistische Angriffe im ganzen Land eskalieren. In Paris, Lyon und Toulouse organisierten rechtsradikale Gruppen Aktionen unter dem Slogan „Justice pour Quentin“ („Gerechtigkeit für Quentin“). In Toulouse gingen rund 15 Faschisten mit Schlagstöcken, Messern und Fahrradketten auf die Straße, griffen Passant:innen an und verletzten mindestens drei Menschen.
Ein zentrales Ziel dieser Angriffswelle waren auch die Büros von La France insoumise. In zahlreichen Städten wurden lokale Parteibüros attackiert, mit neo-nazistischen Symbolen beschmiert und mit Drohungen versehen. In Paris ging beim nationalen Hauptquartier von La France insoumise eine Bombendrohung ein, woraufhin das Gebäude vollständig evakuiert wurde. In Rennes rückten aufgrund einer verdächtigen Tasche Entschärfungseinheiten an. In Lyon griff ein maskierter Angreifer mit Eisenstange das lokale Gebäude von Solidaires (Gewerkschaftlicher Solidaritätsverband) an; in derselben Stadt beschmierten Neo-Nazis die Mauern einer Moschee.
Quelle der Gewalt: Rechtsradikale und der Staat
Am 16. Februar veröffentlichten zunächst das unabhängige Medienportal Contre-Attaque und anschließend Le Canard Enchaîné Bildmaterial und Zeugenaussagen, die die offizielle Darstellung grundlegend erschüttern. Die Aufnahmen und Aussagen zeigen, dass am Tag der Ereignisse eine 15–20-köpfige, maskierte und bewaffnete faschistische Gruppe – darunter auch Quentin Deranque – mit Pfefferspray, Eisenstangen, metallenen Krücken und Brandmitteln einen Hinterhalt vorbereitet und den Angriff begonnen hatte. Dieselben Zeugenaussagen belegen zudem, dass der getötete Faschist nach der Auseinandersetzung eine Krankenhauseinweisung zunächst abgelehnt hatte.
Die Gewalt der radikalen Rechten ist kein Zufall. Seit 2022 wurden in Frankreich mindestens elf Menschen von rechten und neo-nazistischen Gruppen getötet; mindestens 19 weitere wurden bei Messer- oder Schusswaffenangriffen schwer verletzt. Die Mehrzahl dieser Attacken wurde mit Messern, Macheten, Ketten, ähnlichen Waffen oder mit Schusswaffen verübt. Während der Tod von El Hacen Diarra, der im vergangenen Monat in Paris von der Polizei getötet wurde, noch in frischer Erinnerung ist, zeigen diese Zahlen deutlich: Die eigentliche Quelle der Gewalt in Frankreich sind nicht Antifaschist:innen, sondern der Staat und die unter seinem Schutz agierende radikale Rechte.
Dass ein Tod, der auf eine gezielte Provokation folgte – bei der faschistische Gruppen mit Eisenstangen kampfbereit auftraten –, verdreht und dazu benutzt wird, Menschen auf der Straße anzugreifen und eine Lynchkampagne gegen die antifaschistische Bewegung und die Linke zu führen, macht erneut sichtbar, wie offen die faschistische Gewalt in Frankreich eskaliert.
