13. Mai 2026

Der Wirtschaftsflügel der CDU greift das Recht auf Teilzeitarbeit an

Die aktuelle Debatte um Teilzeitarbeit, angestoßen vom Wirtschaftsflügel der CDU, geht weit über eine arbeitsmarktpolitische Einzelfrage hinaus. Sie dient dazu, Arbeitszeit moralisch aufzuladen und politisch zu instrumentalisieren. Wer weniger arbeitet, gerät schnell unter Rechtfertigungsdruck und wird nicht als Teil realer Arbeits- und Lebensverhältnisse gesehen, sondern als individuelles Problem.

Im Zentrum der CDU-Forderungen steht die Einschränkung des Rechts auf Teilzeit. Künftig soll eine Reduzierung der Arbeitszeit nur noch in klar definierten Fällen wie Kindererziehung oder Pflege möglich sein. Andere Gründe werden abgewertet und als sogenannte „Lifestyle Teilzeit“ diskreditiert. Diese Rhetorik ist kein Zufall. Sie folgt einer neoliberalen Logik, die soziale Rechte an moralische Leistungsnormen bindet und damit die Grundlage solidarischer Sozialpolitik untergräbt.

Die Annahme, Teilzeitarbeit sei vor allem Ausdruck persönlicher Bequemlichkeit, hält einer realistischen Betrachtung nicht stand. Für die meisten Beschäftigten ist sie keine freie Entscheidung, sondern eine Reaktion auf äußere Zwänge. Dazu gehören fehlende Kinderbetreuung, Pflegeverpflichtungen, gesundheitliche Belastungen oder Branchen, in denen Vollzeitstellen kaum vorhanden sind. Besonders betroffen sind Frauen, Alleinerziehende sowie Beschäftigte im Dienstleistungs- und Pflegebereich, also jene Bereiche, in denen gesellschaftlich notwendige Arbeit geleistet wird, die jedoch systematisch gering entlohnt und abgewertet wird.

Teilzeit ist kein Luxus, sondern Ausdruck struktureller Widersprüche. Wer den Anspruch darauf einschränkt, löst nicht den Fachkräftemangel, sondern verschärft ihn noch, indem die Verantwortung für systemische Probleme auf die Beschäftigten abgewälzt wird. Die kapitalistische Organisation von Arbeit mit Überlastung, gesundheitlichen Belastungen, prekärer Bezahlung und der Abwertung von Sorgearbeit bleibt dabei außen vor. Teilzeit ist kein Zeichen mangelnder Leistungsbereitschaft, sondern ein notwendiges Mittel, um die eigene Arbeitskraft unter diesen Bedingungen überhaupt erhalten zu können. Für Millionen ist sie keine Wahl, sondern eine Notwendigkeit, um Beruf, Familie und Gesundheit zu vereinbaren.

Die Debatte zeigt, wie Arbeitsrechte politisch verhandelt werden und wie leicht die gesellschaftliche Verantwortung für gute Arbeitsbedingungen individualisiert wird. Solange Arbeit so strukturiert ist, dass Überlastung, Unterbezahlung und fehlende Perspektiven zur Normalität gehören, bleibt Teilzeit für viele ein unverzichtbares Instrument, um überhaupt am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.