Anmerkung zur Übersetzung: Das Interview mit dem Titel: Interview: From Argentina to Lebanon: „Together, and only together, will we win.“ wurde erstmals am 14. Januar 2026 in Masar Badil (Palestinian Alternative Revolutionary Patch Movement) veröffentlicht.
Nach 41 Jahren Gefangenschaft in Frankreich wurde der libanesische Revolutionär Georges Abdallah im vergangenen Juli freigelassen und kehrte in seine Heimat zurück. In seinem Interview erklärt Abdallah, wie er sich als revolutionärer Kämpfer in Gefangenschaft geschützt und weiterentwickelt hat. Dank der Hilfe seiner Genossen hat Abdallah nicht nur sein Land, den palästinensischen Widerstand und die arabische Welt, sondern die ganze Welt inspiriert und den internationalen Charakter des antiimperialistischen und antifaschistischen Kampfes nie verwässert: Während er die ganze Welt von Argentinien bis Frankreich im Blick hatte, blieb sein Engagement für die arabische Revolutionsbewegung, in deren Mittelpunkt Palästina und der Libanon standen, unerschütterlich.
Der Revolutionsführer brachte seine Freude über die Al-Aqsa-Flut-Operation vom 7. Oktober zum Ausdruck und ist überzeugt, dass der palästinensische Widerstand nach wie vor das Herzstück der arabischen Revolution ist. Wir möchten insbesondere auf den Teil des Interviews hinweisen der beschreibt, dass am 7. Oktober Israels „Silicon Valley”-Initiative untergraben wurde und dass der Staat Israel seit Ende der 1980er Jahre in privater Hand ist. Abdallahs Worten sind den Erkenntnissen des legendären Gründers der PFLP, George Habasch, aus dem Jahr 1988 in der Abhandlung „Understanding Zionism” sehr ähnlich: Habasch wies darauf hin, dass 40 Jahre nach der Gründung der zionistischen Entität diese nicht mehr eine Kolonie im Dienste des Imperialismus sei, insbesondere durch ihre erhöhten Produktionskapazitäten im Inneren und technologische Durchbrüche und dass der Imperialismus sich in einer Position befindet, die den regionalen Ambitionen des Zionismus dient und dass „Groß-Israel“ nur mit diesem Durchbruch möglich sei.
Von Argentinien bis zum Libanon: „Nur gemeinsam werden wir gewinnen.“
Georges Ibrahim Abdallah ist ein kommunistischer, antiimperialistischer, antizionistischer und internationalistischer Revolutionär, der 1951 im Libanon geboren wurde. Bis heute ist Georges ein Fidai, ein Freiheitskämpfer, der sich einem unerschütterlichen Widerstand verschrieben hat, den das kapitalistische Welt-System ihm nie verziehen hat. Trotz 41 Jahren imperialistischer Gefangenschaft in Frankreich, in denen er die Qualen der Isolation und das Gewicht einer bürgerlichen „Justiz“ erdulden musste, die seinen Willen brechen wollte, wurde er schließlich im Juli 2025 freigelassen und in den Libanon abgeschoben. Er kehrte zurück, wie er gegangen war: als disziplinierter Kämpfer. Wie er selbst sagt: „Ich war ein Kämpfer in Gefangenschaft. Ich war nie ein Gefangener, der militant sein wollte; ich bin ein Kämpfer, und als solcher kämpfe ich auch unter den Bedingungen einer außergewöhnlichen Situation: der Gefangenschaft.”
Das Leben von Georges Ibrahim Abdallah ist die konkrete Geschichte eines jungen Libanesen, der sich schon in sehr jungen Jahren an die Spitze der palästinensischen und globalen Revolution stellte. Sein Weg ist die lebendige Erinnerung an die palästinensische Revolution im Libanon: die Bewegung, die nach 1967 entflammte und die, obwohl sie von einer beschwichtigenden politischen Führung verraten wurde, sich weigerte zu sterben. Stattdessen wurde sie von neuen Generationen der Entrechteten in Gaza, im Westjordanland, in Al-Quds, im Palästina von 1948 und in der Diaspora wiederbelebt und radikalisiert.
Georges‘ Werdegang begann nicht erst mit seiner Verhaftung im Jahr 1984, sondern wurde in der Hitze der internationalistischen Offensive der 60er und 70er Jahre geschmiedet. Sein politisches Bewusstsein wurde durch den globalen Kampf gegen die US-Kriegsmaschinerie in Vietnam, die Studenten-Arbeiter-Unruhen von 1968 und Che Guevaras Aufruf zum Tricontinental von 1967 geprägt. Diese Kräfte führten zusammen zu einem revolutionären Kämpfer, dessen Klassenüberzeugungen seit über einem halben Jahrhundert ein unüberwindbares Hindernis für das imperialistische Projekt darstellen.
Die globale geopolitische Landschaft hat sich verändert, aber die strukturelle Krise des Kapitals und die revolutionäre Standhaftigkeit von Georges Abdallah sind geblieben. Er bleibt dem arabischen Befreiungsprojekt verankert und erkennt an, dass der Kampf für Palästina der primäre Widerspruch ist, der gelöst werden muss, um die Region zu befreien: „Die Befreiung Palästinas hat einen historischen und einen strategischen Wert: Sie ist der historische Hebel des arabischen Revolutionsprozesses.“
Am 18. Dezember 2025 trafen wir uns in Beirut, Libanon, mit Genossen von Masar Badil (Palästinensische Bewegung für einen alternativen revolutionären Weg), um Georges Abdallah zu interviewen.
Frage: Haben sich Ihre Prinzipien und Überzeugungen in den letzten vier Jahrzehnten abgeschwächt? Wie haben Sie das ertragen?
Antwort: Ich war ein Kämpfer in Gefangenschaft. Ich war nie ein Gefangener, der militant sein wollte; ich bin ein Kämpfer, und als solcher kämpfe ich auch unter den Bedingungen einer außergewöhnlichen Situation: der Gefangenschaft. Daher steht für mich der Kampf selbst im Vordergrund, meine persönliche Situation ist zweitrangig. Solange meine persönlichen Umstände die Bekräftigung des revolutionären Prozesses zulassen, bin ich zufrieden. Genau das ist geschehen.
Dementsprechend wurden meine Prinzipien durch die Genossen, die mich in diesen 41 Jahren regelmäßig besuchten, täglich in die Praxis umgesetzt. Für sie war die Solidarität mit mir lediglich ein Vorwand, um sich an der Seite des palästinensischen Volkes und der Massen, die es unterstützen, am Kampf zu beteiligen. Sie war auch Ausdruck der Position der palästinensischen Massen innerhalb des Klassenkampfs in Frankreich. Wenn Arbeiter für bessere Bedingungen oder politische Forderungen mobilisierten, nahmen diejenigen, die sich mit mir solidarisierten, direkt an den Demonstrationen der CGT (Allgemeiner Gewerkschaftsbund Frankreichs) und anderer Gewerkschaften teil. Alle 20 oder 25 Tage verfasste ich außerdem einen schriftlichen Beitrag; während sie demonstrierten, übernahm ein Genosse die Aufgabe, in meinem Namen eine Rede zu halten: eine Erklärung eines palästinensischen und arabischen Freiheitskämpfers hinter Gittern. So vergeht die Zeit für einen Revolutionär innerhalb des Kampfes, nicht außerhalb davon.
Was die Bedingungen meiner Freilassung angeht, so basierte die Entscheidung des Richters auf einer grundlegenden rechtlichen Prämisse: Sie besagte, dass Georges Abdallah im Gefängnis eine größere Gefahr für die nationale Sicherheit darstellt als außerhalb. Auf dieser Grundlage wurde ich freigelassen. Daher war meine Anwesenheit im Gefängnis eine militante Präsenz. Ich ging meine Gefangenschaft mit der Logik des Kampfes an, nicht als Selbstzweck. Das bedeutet, dass ich meine Zeit im Gefängnis nicht damit verbracht habe, bessere Bedingungen zu fordern oder um meine Freilassung oder meine Unschuld zu bitten. Solche Dinge sind für mich inakzeptabel.
Als ich vor Gericht erschien, ging ich auf die zentrale Frage der militanten Operationen in Frankreich und Europa ein. Es gab keine Beweise, die mich belasteten. Was mich „belastet“, ist meine politische Haltung. Ich habe behauptet, dass diese militärischen Operationen richtig sind und fortgesetzt werden müssen – nicht nur in Frankreich, sondern weltweit, insbesondere in den Regionen, die vom imperialistischen System beherrscht werden und dessen Kern bilden, das seit den 1980er Jahren Krieg gegen unser Volk führt. Heute ist die Lage noch schlimmer.
Frage: Wie war Ihre Beziehung zur Außenwelt während Ihrer Gefangenschaft und wie sind Sie mit den sich weiterentwickelnden Nachrichten und Ereignissen umgegangen?
Antwort: Wie ich in meiner ersten Antwort bereits erwähnt habe, bin ich ein Revolutionär in Gefangenschaft. Alle, die mich besucht haben, waren ebenfalls Revolutionäre, deren Hauptaufgabe darin bestand, meine Sichtweise nach außen zu vermitteln und zweitens meine Position als Revolutionär zu stärken. Zu diesem Zweck versorgten mich meine Genossen mit allen notwendigen Materialien für meine journalistische, kulturelle und militante Ausbildung. Tatsächlich fehlte mir die Zeit, alles zu lesen, was ich lesen musste. Ich litt nicht unter zu viel Zeit, sondern eher unter Zeitmangel. Wenn ich das sage, dann nicht, um poetisch zu sein oder zu übertreiben. Das ist die Realität.
Jede Woche versorgten mich die Genossen allein mit fünf Ordnern voller Zeitungsausschnitte: alles, was auf Arabisch, Französisch oder Englisch über den Libanon, Palästina und Ägypten veröffentlicht wurde. Jeder Ordner umfasste etwa 90 Seiten: 450 Seiten pro Woche nur über Nachrichten zum palästinensischen Kampf im Libanon, zum Stand des Widerstands und zur Volksbewegung in Ägypten. Ich hatte auch Zugang zur gesamten französischen Presse – sowohl zur bürgerlichen Presse wie Le Monde und L’Humanité als auch zu Publikationen linker Parteien, insbesondere der kleineren. So hatte ich einen umfassenden Überblick über das gesamte verfügbare Informations- und Kulturmaterial.
Was meine theoretischen Studien angeht, so war mein Tagesablauf streng geregelt. Mein Tag begann um 8:30 Uhr, wenn ich meine Gefängniszelle verließ, und endete um 10:45 Uhr, wenn ich zurückkehrte. Diese Zeit verbrachte ich mit körperlichen Übungen, um meinen Körper sozusagen „kampfbereit“ zu halten. Von 10:45 bis 11:00 Uhr: Waschen und Duschen. Von 11:00 bis 16:00 Uhr: Lesen von Briefen und Notizen von Genossen, was viel Zeit in Anspruch nahm. Von 16:00 bis 19:00 Uhr: Theoretische Lektüre. Am Abend beschäftigte ich mich mit theoretischen Notizen: Was ist zu tun und was ist nicht zu tun? Ich schlief nur vier Stunden und wachte um 4:00 Uhr morgens auf. Von 4:00 Uhr bis 7:00 Uhr kümmerte ich mich um „kleinere Korrespondenz“, um meine Menschlichkeit zu bewahren. Das heißt, ich schrieb meiner Tochter, meinem Bruder oder anderen. Einfache Worte und Grüße ermöglichten es mir, mich als gewöhnlicher Mensch zu erhalten, der lächelt, wenn er ein Kind sieht, die Schönheit einer Blume erkennt und die einfachen Freuden des gewöhnlichen Lebens erlebt. Um 7:00 Uhr morgens kommt der Gefängniswärter, und der Gefängnistag beginnt. Und so war mein Tag völlig ausgefüllt.
Frage: Könnten Sie etwas über die Lebensbedingungen der palästinensischen Flüchtlinge und die Lager im Libanon erzählen? Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage im Libanon insgesamt?
Antwort: Die Palästinenser im Libanon sind ein organischer Bestandteil der historischen arabischen Identität des Libanon. Im Libanon teilen wir eine lange, gemeinsame Geschichte des Kampfes. Das seit Jahrzehnten fließende Blut von Palästinensern und Libanesen bildet das Fundament unserer Identität als Freiheitskämpfer. Der revolutionäre Charakter meiner Generation wurde durch die Auswirkungen der palästinensischen Revolution und der Widerstandsbewegung geprägt. Zwischen unseren libanesischen und palästinensischen Widerstandsparteien besteht eine tiefe, historische Synergie.
Was ich in den Lagern gesehen habe, ist eine Realität, die bestätigt, dass Palästina nach wie vor der historische Katalysator der arabischen Revolution ist. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, bin ich Palästinenser, Libanese und Araber, aber vor allem bin ich Kommunist. Als solcher betrachte ich all diese Bewegungen durch die Linse der Abschaffung des Systems der totalen Ausbeutung. Die Befreiung Palästinas hat einen historischen und einen strategischen Wert: Sie ist der historische Hebel des arabischen Revolutionsprozesses. Man kann das eine nicht vom anderen trennen.
Anthropologisch gesehen ist das Lager der Ort, an dem die intimste palästinensische Identität geschmiedet wurde. In gewisser Weise ist ganz Palästina eine Aneinanderreihung von Flüchtlingslagern. Was man in Gaza sieht, ist ebenfalls eine Ansammlung von Lagern. Um dies zu verstehen, muss man nur für kurze Zeit in einer dieser Unterkünfte leben, um zu sehen und zu erleben, wie sich das tägliche Leben tatsächlich abspielt. Wenn man sich bewusst macht, dass dieses Leben seit 1948 und sogar schon davor besteht, kann man beginnen zu verstehen, warum die imperialistisch-zionistisch-reaktionären Kräfte darauf aus sind, die Lager zu zerstören: Die Zerstörung der Lager ist ein Versuch, die palästinensische Identität zu zerstören.
Dennoch bleiben die Lager eine unzerstörbare Bastion der Militanz und Revolution. Sie mögen hier ein Lager zerstören, aber die Palästinenser werden woanders hingehen und ein neues bauen. Flüchtlingslager existieren nicht aufgrund von „Desertifikation” oder Armut; wir haben Lager, weil eine Macht das Land besetzt hat, auf dem diese Menschen lebten. Es gibt kein Lager in Palästina, das nicht mehrfach zerstört und wieder aufgebaut wurde.
Im Libanon ist das Lager zum wichtigsten Zufluchtsort für die Armen des Landes geworden. Es ist nicht mehr nur „palästinensisch“. An einem Ort wie Shatila sind vielleicht nur noch 20 % Palästinenser, der Rest sind die Entrechteten des Libanon: Syrer, Iraker und Libanesen. Es ist zu einem Brennpunkt des objektiven revolutionären Prozesses geworden, der aus seinem direkten Widerspruch zur imperialistischen und zionistischen Strategie entstanden ist.
Ich sah Menschen, die trotz aller Widrigkeiten standhaft blieben. Wir sind wie alle anderen Menschen auf der Erde; wir haben keine Hörner und keine Flügel. Wir haben soziale Schichten, die zu Kompromissen und Kapitulation neigen. Aber wir haben eine große Mehrheit, die Massen, die vor Freude jubelten, als sie israelische Soldaten weinen sahen, während die arabischen Regime und ihre Armeen nur tatenlos zusahen. Diese Massen suchen nach einer Führung, die den Anforderungen dieses revolutionären Moments gerecht wird. Die derzeitigen Führer sind dieser Aufgabe vielleicht nicht gewachsen, aber letztendlich werden die Massen ihre eigene effektive Führung schmieden und zum revolutionären Funken werden, der die gesamte arabische Welt verändert.
Was die aktuelle Lage betrifft, so ist der Libanon der einzige Ort in der arabischen Welt, wo revolutionärer Wille und „unregulierte“ Gewehre („Kampfgeist“) existieren. Infolgedessen werden wir einem immensen Druck ausgesetzt sein. Das gesamte imperialistische System, die mit Israel verbundenen Kräfte und insbesondere die arabischen Reaktionäre werden ihren ganzen aufgestauten Hass und ihre reaktionäre Wut entfesseln, um uns zur Kapitulation zu zwingen. Aber unser Volk wird nicht kapitulieren.
Wir werden dieses Gewehr („diesen Kampfgeist“) schützen. Wir werden der Funke sein, der die Regime sprengt, die derzeit die Massen in Ägypten, Jordanien und den Golfprotektoraten ersticken. Das habe ich im Libanon gefunden: eine lebendige revolutionäre Kraft. Ich wurde mit der für einen Freiheitskämpfer zu erwartenden Herzlichkeit empfangen, und dafür bin ich mehr als dankbar. Ich bin im Reinen mit dem, was ich gesehen habe: die Bereitschaft der Massen zu unendlichen Opfern.
Unser Volk hat bewiesen, dass die Fähigkeit der Massen zu Sumoud (صمود, Standhaftigkeit, Resilienz) alle Berechnungen übertrifft. Wenn es um den Widerstand gegen die Besatzung geht, sind unsere arabischen Massen, insbesondere in Palästina und im Libanon, auf dem höchsten Bewusstseinsniveau. Sie werden ihre historische Rolle erfüllen, indem sie diesen Druck aushalten, so wie das palästinensische Volk historisch gesehen die Last der Konfrontation mit der zionistischen Besiedlung getragen hat. Sie haben diese Last weitgehend allein getragen. Jetzt müssen die palästinensischen und libanesischen Massen die Last dieser Phase tragen, damit die arabischen Massen schließlich revoltieren können und wir uns von den Tyrannen befreien können, deren Interessen organisch mit der Bewegung des globalen Kapitals verbunden sind.
Frage: Wie haben Sie auf die Operation vom 7. Oktober reagiert? Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen, als sie Ihnen bekannt wurde? Was waren Ihre Eindrücke damals und was sind Ihre Eindrücke heute?
Ich bin Araber, Libanese und Palästinenser; ich betrachte diese Angelegenheit als eine, die alle Menschen in der arabischen Heimat betrifft. Ich bin Kommunist und analysiere dieses Ereignis daher anhand seiner globalen Auswirkungen und seines Einflusses auf die arabischen und internationalen revolutionären Bewegungen.
Was den militärischen Charakter der Operation angeht: Tatsächlich handelte es sich am 7. Oktober um eine relativ begrenzte Operation, nicht um eine groß angelegte. Die palästinensische Revolution dauert nun schon über vierzig Jahre an; dass sie eine Streitmacht von mehr oder weniger tausend Kämpfern mobilisieren kann, ist eine natürliche Entwicklung ihres langwierigen Kampfes. Während ähnliche Operationen zu erwarten waren, hatte der 7. Oktober eine Reihe weitreichender Auswirkungen.
Auf der soziopolitischen Ebene – also der Ebene der unmittelbaren Reaktion der Massen – jubelten wir, wie die meisten arabischen Völker, als wir sahen, wie ein Fidai einen zionistischen Soldaten an den Haaren aus einem Panzer zog; wir waren überglücklich. Natürlich war dies eine spontane Reaktion darauf, dass die Fedayeen genau so handelten, wie Fedayeen handeln sollten.
Wenn wir die Operation im Detail analysieren, könnten wir sagen, dass dies oder jenes besser hätte gemacht werden können, aber es bleibt eine äußerst erfolgreiche Operation, die eine Realität aufgedeckt hat, die nicht für alle sichtbar war. Als Israel mit palästinensischer Gewalt konfrontiert wurde, reagierte es mit einer Barbarei, die seinem Charakter entspricht. Aus der Perspektive des Kapitals verwandelte diese Reaktion jedoch die gesamte Region in eine unsichere Zone, was den Kern der Sache ausmacht.
Wir müssen die Natur der israelischen Entität verstehen. Bis in die 1970er Jahre besaß Israel keine eigenen Finanzinstitute; Banken, Versicherungsgesellschaften und große Finanzorganisationen waren noch in öffentlicher Hand. Ende der 1980er Jahre kamen etwa eine Million Siedler aus der Sowjetunion nach Palästina und brachten Millionen von Dollar mit. Diese Millionen kamen auf eine Weise zustande, die selbst nach kapitalistischen Maßstäben als „illegal” galt, d. h. außerhalb des rechtlichen Rahmens der kapitalistischen Produktionsweise, nämlich durch Prostitution, Schmuggel und illegalen Handel. Diese riesige Kapitalsumme, kombiniert mit einer Siedlerbevölkerung, die über die während der Sowjetzeit erworbenen wissenschaftlichen Fähigkeiten verfügte, führte zu einem qualitativen Sprung, der es Israel ermöglichte, sein sogenanntes „Silicon Valley” aufzubauen.
Der 7. Oktober traf dieses „Silicon Valley“ und die seit den 1970er Jahren aufgebauten Institutionen in ihrer Gesamtheit: nicht weil es sie physisch zerstörte, sondern weil Kapital in einem Gebiet bewaffneter Konflikte nicht sicher fließen kann. Das war unvorhergesehen. Deshalb erlebt Israel nun seine letzten Kapitel; ohne das „Silicon Valley“ war Netanjahus Vision eines „Großisraels“ ein unrealistisches Projekt. Dieser Technologie-Hub ebnet nicht nur den Weg für eine klassische militärische Besetzung, sondern auch für die wirtschaftliche und administrative Dominanz der gesamten Region, ähnlich wie sie über die sogenannten Golfstaaten ausgeübt wird. Der Plan sah vor, dass der gesamte arabische Mashreq (arabische Raum, „Orient“) unter israelische Hegemonie fallen sollte; der 7. Oktober hat dieses Projekt zunichte gemacht, ohne dass man sich dieser spezifischen Dimension unbedingt bewusst war. Dies ist die grundlegende Dimension der Operation vom 7. Oktober.
Natürlich verhinderte der 7. Oktober auch die Normalisierung der Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und Israel. Wir dürfen nicht vergessen, dass Gaza ein riesiges Gefängnis ist. Der damalige Plan sah vor, dieses Gefängnis zu vergrößern, aber der 7. Oktober war die Explosion dieses Gefängnisses, die die zionistischen Pläne für die gesamte Region veränderte. Der imperialistische Westen hat alles aus seinem Reservoir an Barbarei und Kriminalität herausgeholt, aber das palästinensische Volk stand trotz seiner Wunden aufrecht und gab nicht auf. Es präsentierte ein Modell von Sumoud, wie es die Menschheit noch nie gesehen hat: Weder in Dien Bien Phu (Vietnam) noch in Stalingrad (UdSSR) noch irgendwo sonst hat ein Volk so für seine Existenz gekämpft wie die Helden von Gaza.
Darüber hinaus ist die globale Solidaritätsbewegung, die wir heute erleben, eine direkte Folge des Widerstands in Gaza. Die Massen erheben sich nicht unbedingt, um die eine oder andere bestimmte Fraktion zu verteidigen, sondern weil sie einfach die Personifizierung der Barbarei gesehen haben. Zum ersten Mal in der Geschichte wird ein Völkermord live übertragen und seine detaillierten Ereignisse stündlich verfolgt. Während die gesamte Geschichte der westlichen kapitalistischen Vorherrschaft eine Geschichte von Völkermordkriegen ist, können Argentinier, Bolivianer oder Pakistaner diesen Völkermord zum ersten Mal in Echtzeit miterleben. Das hat die Jugend zur Revolte getrieben. Was als humanitärer Impuls begann, hat sich zu einem politischen Aufstand gegen eine wachsende Welle des globalen Faschismus entwickelt. Wir müssen dies im Kontext einer globalen kapitalistischen Ordnung in der Krise betrachten. Wir stehen vor einem weiteren Weltkrieg, der durch interimperialistische Widersprüche angeheizt wird. Derzeit sind faschistische Kräfte dabei, in ganz Europa und im imperialistischen Westen an die Macht zu kommen.
In diesem Zusammenhang sind die palästinensische Keffiyeh (Kufiya) und die palästinensische Flagge mehr als nur nationale Symbole geworden; sie sind einerseits universelle Zeichen des Widerstands gegen den israelischen Faschismus und andererseits Vorreiter im Kampf gegen den um sich greifenden Faschismus in Europa und der Welt. Als die Proteste ausbrachen, wurden sie zunächst von den Behörden kriminalisiert. Wer eine Keffiyeh trug, musste mit Verhaftung rechnen; wer die Flagge hisste, wurde als Antisemit gebrandmarkt. Heute wird die palästinensische Flagge bei jeder Demonstration auf der ganzen Welt gehisst: nicht nur aus Solidarität mit dem Volk, sondern auch als Zeichen des Widerstands gegen den Faschismus in den eigenen Ländern.
Die israelische Entität ist eine organische Erweiterung des imperialistischen Westens. Historisch gesehen entstand dieser Westen durch eine Reihe von Völkermordkriegen. Wie entstanden die Vereinigten Staaten? Nordamerika war von indigenen Völkern bewohnt. Die Europäer kamen und verübten einen totalen Völkermord: Über 25 Millionen Menschen wurden ausgelöscht, um die „Vereinigten Staaten” zu schaffen. Es hieß nicht immer so, sondern war Nordamerika. Um es in die von Europäern abstammenden „Vereinigten Staaten” zu verwandeln, wurden 25 Millionen indigene Menschen ausgelöscht.
Der gleiche Prozess schuf Mittel- und Südamerika oder „Lateinamerika”. Aber woher kam diese „Lateinamerikanität”? Weder die Maya noch die Inka noch die Quechua sind Lateinamerikaner. Millionen und Abermillionen wurden liquidiert, damit das Kapital sie in „Lateinamerikaner” verwandeln konnte. Auch Australien war die Heimat der ältesten Menschen der Erde; sie wurden liquidiert, damit Australien zu „Australien” werden konnte. Eine Reihe von Völkermordkriegen ist also der historische Prozess, durch den der imperialistische Westen entstanden ist. Israel ist die jüngste Manifestation dieses Westens, seine organische Erweiterung.
Das palästinensische Volk hat diesem Völkermordprozess historisch gesehen standgehalten. Er begann nicht in Gaza. Er begann Ende des 19. Jahrhunderts, wobei 1948 nur einer seiner Meilensteine war. 1948 zählten die Palästinenser weniger als eine Million Menschen. Heute sind es über 14 Millionen. Im historischen Palästina leben heute etwa 7,32 Millionen Palästinenser gegenüber 7,2 Millionen israelischen Siedlern. In jeder Hinsicht ist dieser Völkermord ein kläglicher Misserfolg. Das ist die Krise, in der sich das Gebilde derzeit befindet. Der 7. Oktober kam, um diesem Gebilde zu sagen: „Ihr habt eure Grenze erreicht. Dies ist euer letztes Kapitel.“ Die „Gewalttätigkeit“, die wir heute im Libanon und in Gaza sehen, ist das Markenzeichen dieses letzten Kapitels. Israel kann sich in den Augen der westlichen Massen nicht länger als „Oase der Demokratie“ oder als „humanitärer“ Vorposten präsentieren. Es ist nun das ultimative Symbol der Barbarei. Ohne dieses Image, das als Quelle seiner Legitimität dient, ist die Entität zum Scheitern verurteilt. Man mag ihr für eine gewisse Zeit zusätzliche Waffen zur Verfügung stellen, aber das wird die historischen Verhältnisse nicht grundlegend ändern. Die Menschen gestalten die Zukunft dieses Planeten. Mit ihren primitiven Waffen haben sich die Palästinenser als mächtiger erwiesen als die fortschrittlichsten Waffenarsenale der Welt. Sie haben sich im Namen des gesamten arabischen Mashreq gegen den Völkermord gewehrt. Der vom Westen geschürte Siedlerkrieg richtete sich nicht nur gegen Palästina, sondern gegen die gesamte Region, die sie „Groß-Israel“ nennen. Aber das palästinensische Volk, die Avantgarde des Mashreq, hat den Preis mit den Leichen seiner Kinder bezahlt, und es hat gesiegt. Die Massen sagen ihnen nun: „Ihr habt es geschafft, und wir stehen hinter euch.“ Und sie stehen hinter Palästina nicht nur als indigene Bevölkerung, sondern als entscheidender Ausgangspunkt für den dringenden Kampf gegen den Faschismus, der sich in ihren eigenen Ländern ausbreitet. Das sind die wahren Auswirkungen des 7. Oktober.
Frage: Die sozioökonomische Lage ist schlechter denn je, dennoch hören wir Stimmen, die behaupten, der Kampf müsse strikt friedlich bleiben. Wie sehen Sie das?
Antwort: Auf globaler Ebene müssen wir Folgendes feststellen: Die Lage ist instabil und explosiv. Die Bewegung des Kapitals und das kapitalistische System befinden sich in einer unheilbaren strukturellen Krise, die verschiedene Bourgeoisien in heftige Widersprüche miteinander treibt. Zum dritten Mal in weniger als einem Jahrhundert stehen wir vor einem Dritten Weltkrieg: eine direkte Folge der kapitalistischen Krise. Das ist jedem klar.
Was können wir erwarten? Die Massen werden zunehmend mit dem Faschismus konfrontiert sein. Das kapitalistische System befindet sich im Umbruch und gibt das auf, was es einst als „repräsentative Demokratie” bezeichnet hat. Heute sehen wir, wie Faschisten in Argentinien und Italien die Macht übernehmen und in Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten vor den Toren der Macht stehen. Dieser gesamte Prozess führt zu einer massiven Verarmung der Massen, und diese Verelendung wird sich nur noch verschärfen.
Die dringendste Frage lautet: Wie können die revolutionären Avantgarden gebildet werden, um die notwendigen Kräfte für den Kampf gegen den Faschismus erfolgreich zu bündeln? Um eine Antwort darauf zu finden, müssen wir zunächst erkennen, dass sich die Zusammensetzung der Arbeiterklasse heute von derjenigen des 20. Jahrhunderts unterscheidet. Die sogenannte „enteignete“ Klasse macht heute die Mehrheit der Weltbevölkerung aus. Wie wird sich diese Volksmacht innerhalb eines politischen Programms organisieren, das in der Lage ist, dem Faschismus von Argentinien über Peru bis hin zu Frankreich entgegenzutreten?
Wir behaupten, dass die soziale Zusammensetzung der revolutionären Kräfte – diejenigen, die ein materielles Interesse an revolutionären Veränderungen haben – eine Mischung aus den Enteigneten, der traditionellen Arbeiterklasse und anderen ist. Dieser „Volksblock” entsteht durch tägliche Praxis. Er wird in den historischen, wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Widersprüchen unserer Zeit geschmiedet.
Nur gemeinsam werden wir gewinnen. Nur gemeinsam werden wir vorankommen. Überall triumphieren wir gemeinsam: in Argentinien ebenso wie in Beirut. Wir müssen unsere Gemeinsamkeiten suchen und unsere Bewegung stärken, um eine kollektive revolutionäre Identität aufzubauen. Solidarität mit Venezuela ist heute identisch mit Solidarität mit Palästina, mit dem Volk von Kanaky (indigenes Volk Neukaledoniens, Überseegebiet Frankreichs) oder dem Volk der Karibik. Diese Solidarität prägt den historischen Charakter des Volksblocks in seiner Konfrontation mit dem globalen Kapital, einem System, das zu nichts anderem als Barbarei führt.
Barbarei ist das Einzige, was das Kapital noch zu bieten hat. Es hat nichts anderes. Wir sehen diese Barbarei in Gaza und im Westjordanland, wir sehen sie in Argentinien, wir sehen sie in den Slums der Hungernden, und wir sehen sie in ganz Afrika und Südostasien. In dem Maße, in dem es uns gelingt, als Kollektiv auf gemeinsame Ziele hinzuarbeiten, tragen wir zum Aufbau der Identität dieses historischen Volksblocks bei. Dies ist die Kraft, die ein Interesse an revolutionären Veränderungen hat, und sie entsteht innerhalb des Kampfes, nicht außerhalb davon.
Durch den Prozess des Kampfes werden die beschwichtigenden bürgerlichen Kräfte herausgefiltert. Die Massen werden ihre eigenen Interessen verstehen lernen. Sie sind es, die die Welt verändern werden. Die Rolle der Revolutionäre und Freiheitskämpfer besteht darin, diesen Volksblock nach folgendem Prinzip zu mobilisieren: Gemeinsam, und nur gemeinsam, werden wir gewinnen.
Wenn wir gemeinsam gewinnen wollen, müssen wir gemeinsam kämpfen, und unser revolutionäres Bewusstsein muss gemeinsam gebildet werden. Wenn der Volksblock als bewusste Kraft existiert, ebnet dies den Weg dafür, dass er seine unmittelbaren und historischen Interessen begreift und somit die Bewegung der Geschichte selbst versteht. Das ist wahre Befreiung: Sie findet sich innerhalb dieses Prozesses, nicht außerhalb davon.
Zuletzt möchten wir eine Botschaft an unsere Genossen in Lateinamerika senden.
Die Botschaft an die lateinamerikanischen Freiheitskämpfer ist klar: Wir kämpfen denselben Kampf.
Die größte Angst des Imperialismus ist, dass der antiimperialistische Kampf aufhört, ein abstrakter Slogan zu sein, und zu einer konkreten, legitimen Realität wird, die von den Massen angenommen wird.
Nur gemeinsam können wir siegen. Alleine können wir nicht gewinnen, zersplittert sind wir alle verloren. Wenn sich die Massen Lateinamerikas unter der palästinensischen Flagge mobilisieren, tun sie dies als Teil eines globalen Kampfes gegen den Faschismus. Dies ist die wirksamste Form der Solidarität mit palästinensischen Gefangenen und allen revolutionären Kämpfern. Dieses Prinzip ist nicht nur ein Slogan, es ist eine Notwendigkeit. Die Massen Argentiniens, Palästinas und Ägyptens haben gemeinsame Interessen gegen die Barbarei des Kapitals. Wenn sich die soziale Basis Argentiniens gegen den eigenen Faschismus mobilisiert, verteidigt sie auch Palästina. Jeder Sieg dort ist ein Sieg hier; jeder Triumph gegen den Imperialismus auf diesem Planeten ist ein Sieg für uns alle. Jeder Schritt nach vorne irgendwo auf der Welt stärkt die globale revolutionäre Kraft. Wenn das argentinische Volk in seinem Kampf vorankommt, ist dieser Fortschritt auch unser Fortschritt. Ebenso ist jeder palästinensische Sieg ein Sieg für die Menschen in Argentinien, Peru und darüber hinaus.
Die revolutionäre Führung muss verstehen, dass unsere Kämpfe Koordination erfordern. Wir müssen lernen, miteinander umzugehen, wie es das Kapital auf globaler Ebene tut, ohne jedoch dessen interne Widersprüche zu reproduzieren. Gemeinsam, und nur gemeinsam, werden wir siegen. Das muss heute und für immer unser Motto sein. So bauen wir eine globale Bewegung auf, die ein historisches Interesse an revolutionären Veränderungen hat. Durch diese Solidarität wird eine revolutionäre Internationale geschmiedet. Ob es um die Verteidigung Venezuelas, Argentiniens oder eines anderen unterdrückten Volkes geht, der Kampf ist derselbe. Jeder Sieg in Kuba, Russland oder anderswo ist ein kollektiver Triumph. Revolutionäre Anführer müssen dies berücksichtigen, wenn sie ihre Prioritäten festlegen. Unser Feind ist das globale Kapital, unsere Verbündeten sind die Massen. Die Identität der Bewegung entsteht durch diese Koordination. Der Erfolg des Kampfes spiegelt die Qualität seiner Führung wider: Wenn reformistische oder reaktionäre Führer die Oberhand gewinnen, ist das eine Niederlage für alle Menschen. Wenn jedoch eine revolutionäre Führung in Palästina erfolgreich ist, ist dies ein Sieg für Argentinien.
Diese Wechselwirkung ermöglicht es uns, eine globale Kraft aufzubauen, die in der Lage ist, das kapitalistische System, ein System in permanenter Krise, zu stürzen. Dies kann nicht mit abstrakten Reden erreicht werden, sondern nur durch die tägliche Praxis der Einheit. Es ist unsere Pflicht, dem Feind entgegenzutreten, in Palästina und überall.
