13. Mai 2026

Greenwashing – Das schmutzige Geschäft mit dem Klimaschutz

Man liest es immer öfter, besonders bei riesigen Konzernen, CO2 Neutralität wird angestrebt oder teilweise schon erreicht. Es werden im Namen des Klimaschutzes hunderttausende Bäume gepflanzt, die Tonnen von CO2 speichern sollen und so das ausgleichen sollen, was der deutsche Konzern in die Luft spuckt.

Der CO2-Handel mit CO2-Zertifikaten, mit dem diese Neutralität erreicht werden soll, wurde Anfang der 2000er Jahre von der EU zusammen mit verschiedensten internationalen Institutionen, wie der Weltbank, ins Leben gerufen. Im Grunde funktioniert er so: Ein Zertifikat entspricht einer Tonne CO2-Äquivalente. Ein Unternehmen das mehr CO2 in die Luft ausscheiden möchte als es gesetzlich darf oder das „freiwillig“ CO2-neutral sein möchte, muss oder kann so ein Zertifikat kaufen. Der Ausgleich dieser Tonne CO2 muss dann durch Projekt, wie Bäume pflanzen oder Moore renaturieren, wieder aufgefangen werden. Warum diese Rechnung eine Lüge ist und der CO2-Handel ein weiterer Mechanismus des Kapitalismus ist Menschen und die Natur auszubeuten, wird an dem Beispiel von Pindaíba in Brasilien näher erläutert.

Die Grundsituation

Wie bereits beschrieben muss für jede Tonne CO2, die ausgestoßen wird, innerhalb dieses Emissionshandelssystems eine Tonne CO2 anderswo „gespeichert“ werden. Die aktuell populärste Art dies zu tun ist das Pflanzen von Bäumen. Diese Idee und die zugrunde liegende Rechnung, wie viel CO2 ein Baum wert ist sozusagen, stammt von der Weltbank.

Für diesen Prozess werden Flächen benötigt. Da sind wir nun an unserem Beispiel angekommen: Pindaíba im Bundesstaat Minas Gerais in Brasilien. Ein kleines Dorf welches theoretisch von Natur, dem Cerrado-Wald, umgeben sein sollte mit der die Menschen seit Jahrhunderten in Einklang lebten. Cerrado ist die Bezeichnung für die Feuchtsavanne die fast zwei Millionen Quadratkilometer Südamerikas bedecken sollte, bestehend aus verschiedensten Baum- und Pflanzenarten, Tieren und einem dem Klimawandel trotzenden Ökosystem. Hier leben schon Jahrhunderte Menschen, die mit diesem Ökosystem verwoben sind und fast ausschließlich von diesem überleben können.

Die internationalen Angreifer

Nun kommen die Unternehmen ins Spiel. In diesem Beispiel sind es ArcelorMittal und Aperam, große internationale Stahlkonzerne, die hier in Deutschland und der EU damit werben, CO2-Neutralität erreichen zu wollen. 

Diese haben nun Partner und Subunternehmen in Brasilien. In diesem Fall ist der Partner Gerdau Internacional, ebenfalls ein internationaler Stahlkonzern mit diversen Subunternehmen. Um ihre CO2-Neutralität durchzusetzen, sucht nun Gerdau Internacional Flächen in Brasilien, um Bäume zu pflanzen. In Pindaíba werden nun Flächen, die von Cerrado-Wald bedeckt, sind auserkoren die CO2-Neutralität herbeizuführen.

Wie kommt nun Gerdau Internacional an diese Flächen?

Diese Flächen werden nun mit allen dreckigen Tricks, die so ein internationaler Stahlkonzern auf Lager hat „erschlossen“. Gerdau geht mit aller Härte gegen die Bewohner:innen vor. Es werden riesige Klagen gegen die Bewohner:innen angezettelt, die finanziell nicht tragbar für diese sind. Es werden „Security“-Firmen engagiert oder einfach Schlägertrupps, die die Bewohner:innen einschüchtern sollen.

Dabei kommt es nicht selten vor, dass Bewohner:innen einfach erschossen werden, überfahren werden, tot aufgefunden werden oder spurlos verschwinden. Es ist keine Seltenheit, dass Leichen von Dorfältesten oder Ortsvorsteher:innen am Wegesrand oder in Gestrüpp gefunden werden.

Final werden die Flächen auch einfach, ohne offizielle Entscheidungen oder den offiziellen Besitzübertritt an Gerdau oder diverse Subunternehmen, kahlgeschlagen. Eines Tages kreuzen Forstmaschinen auf mit denen innerhalb eines Tages eine Fläche so groß wie 1.600 Fußballfelder einfach vernichtet wird, ohne Genehmigung oder Einwilligung.

Die Bevölkerung vor Ort schafft es durch Organisation und koordinierte Gegenangriffe hin und wieder die Forstmaschinen zu zerstören und die Entwicklungen hinauszuzögern. Aber gegenüber bewaffneten Schlägertrupps mit Gerdau Internacional im Rücken haben Sie wenig Chance etwas auszurichten.

Eine Frage kann gestellt werden: Was tut die Polizei oder die lokalen Behörden?

Die örtliche Polizei und die Behörden schützen nicht die Bewohner:innen, sondern die Goons von Gerdau. Sobald das Dorf sich entscheidet ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und zum Gegenangriff vorgeht, kommt die Polizei ins Spiel und schützt Gerdau und seine Helferlein. Dies wird einem klar, wenn man bedenkt, wer da wem gegenübersteht.

Gerdau, gegründet von einem Deutschen Einwanderer aus Hamburg Anfang des 20. Jahrhunderts, hat einen Umsatz von min. 13 Milliarden Euro jährlich. Natürlich werden diese ihre Macht und Liquidität nutzen um die lokalen Behörden und die Polizei zum Wegschauen zu bringen. Dies ist der Lauf der Dinge in einem System, dass auf Ausbeutung basiert.

Was passiert nun mit den Flächen?

Jetzt werden, um diese angebliche CO2-Speicherung zu erreichen, nachdem der widerstandsfähige, wasserspeichernde Cerrado vernichtet wurde, Eukalyptus-Bäume in Monokulturen gepflanzt. Millionen von Bäumen in Reih und Glied. Hier in einem Satellitenbild zu sehen: 

Ein 15 km breiter Landstrich in der Nähe von Pindaíba. Einer von vielen Plantagen solcher Art.

Die Biodiversität in diesen Plantagen ist min. dreimal niedrigen als im Cerrado und die Bäume sind für die lokale Vegetation und Tierwelt komplett nutzlos. Deswegen werden diese Plantagen auch von den Einwohner:innen als „Stiller Wald“ bezeichnet, da kein einziger Vogel oder andere Tiere sich dort aufhalten.

Für die Natur hat dies auch noch weitreichendere Folgen. Wasser wird nicht mehr so gut gespeichert wie zuvor. Bäche werden trocken, führen nur noch zur Regenzeit Wasser. Der Grundwasserspiegel sinkt jährlich um 10 cm. Die Subsistenz wird unmöglich. Der Klimawandel nimmt seinen aggressiven freien Lauf.

Der kapitalistische Knockout-Schlag

Nun fragt man sich ebenfalls, was passiert mit diesen schnellwachsenden Eukalyptus Bäumen? Um CO2 zu speichern, müssten diese ja über Jahrzehnte dort stehen und nicht wieder zerstört werden. Doch der Kapitalismus, die internationalen Stahlkonzerne, wie AcelorMittal, Aperam und Gerdau und auch die Weltbank und die EU mit ihrem Emissionshandel über CO2-Zertifikate hat da andere Ideen.

Die Bäume werden nach wenigen Jahren in einem Zug gefällt, in hunderten Kohlenmeilern vor Ort direkt zu Holzkohle verbrannt und weitertransportiert zu den Schmelzöfen von Gerdau. Dort wird die Holzkohle dann verwendet, um Eisenerz zu schmelzen und daraus Eisen-Pellets zu machen. Diese werden dann nach Europa verschifft, wo daraus dann Stahl hergestellt wird.

Und große Quizfrage: Wie werden diese Eisen-Pelletts dann genannt?

CO2 reduzierte Eisen-Pelletts, gebrannt aus nachhaltiger Holzkohle

Das schmutzige Geschäft

Damit ist der Kreis komplett. Europäischer Emissionshandel, CO2-Zertifikate werden gekauft und damit die „CO2-Neutralität“ erreicht, zum Ausgleich werden Naturwälder abgeholzt, indigene Menschen ermordet und Monokulturen gepflanzt. Diese werden nach wenigen für die Natur nutzlosen Jahren abgeholzt, zu Holzkohle gebrannt und dann für die Eisenschmelze verwendet. Dieses Eisen wird dann als nachhaltig wieder nach Europa verkauft, um hier im besten Fall Stahlbeton zu gießen, im schlechtesten Kriegsgerät zu produzieren.

So sieht der Klimaschutz des Kapitalismus aus. Auch aus ihm muss Profit entstehen, auch Klimaschutz funktioniert nicht ohne Mord an Menschen und Natur.

Der wahre Klimaschutz sieht aus wie zwei Millionen Quadratkilometer Cerrado-Wald. Er sieht aus wie brennende Forstmaschinen. Er sieht aus wie zerschlagene Großkonzerne und Eigenverwaltung der Arbeiter:innen und Werktätigen. Er sieht aus wie eine Gesellschaft ohne die kapitalistische Logik.

Die SWR Doku wo viele der Bilder und Informationen herstammen, findet ihr hier (Staatlicher Rundfunk, mit Vorbehalt zu genießen)