Am frühen Samstagmorgen des 8. November 2025 geschah gegen 4 Uhr am Essener Hauptbahnhof eine brutale Gewalttat: Eine Gruppe von sechs Männern rief rechtsradikale Parolen und geriet daraufhin mit einem 37-jährigen Mann in einen Streit. Der Mann, der zuvor eine Diskothek besucht hatte, wurde von den Tätern zu Boden geschlagen. Selbst als er bereits bewusstlos war, traten sie weiter auf ihn ein. Anschließend ließen sie das schwer verletzte Opfer bewusstlos am Boden liegen und flüchteten. Die Polizei konnte die sechs Tatverdächtigen im Alter von 20 bis 26 Jahren kurze Zeit später im Bereich des Hauptbahnhofs festnehmen.
Was in Essen passiert ist, steht stellvertretend für den Rechtsruck im gesamten Land. Wir erleben seit mehreren Jahren eine systematische Normalisierung rechter Hetze durch Politik und Medien; die etablierten Parteien haben in den letzten Jahren massiv dazu beigetragen, rechtsextreme Positionen salonfähig zu machen. Was früher dem „rechten Rand“ vorbehalten war, wird heute wie selbstverständlich in Talkshows, Parlamenten und Regierungserklärungen diskutiert. Konservative und sozialdemokratische Parteien wetteifern darum, wer die „härteste“ Migrationspolitik vertritt, wer die meisten Abschiebungen durchführt, wer am schärfsten gegen „Überfremdung“ vorgeht.
Divide et impera – „Teile und herrsche“
Da ist es nicht verwunderlich, dass dieses Gedankengut eben kein Lippenbekenntnis, sondern für Rechte und Nazis in diesem Land eine Bestätigung, gar eine Handlungsaufforderung darstellt. Aber: Der Rechtsruck ist keine „Reaktion“ auf eh schon bestehende rechte Stimmen in der Bevölkerung, wie es die Parteien gern darstellen. Es handelt sich um eine bewusste, strategische Entscheidung: In Zeiten multipler kapitalistischer Krisen, der Wirtschaftskrise, Klimakrise, soziale Verunsicherung, braucht das System Strategien, um die wachsende Unzufriedenheit innerhalb der Gesellschaft kontrollieren zu können.
Statt über Umverteilung, über die Vergesellschaftung von Konzernen oder über die Abschaffung von Ausbeutungsverhältnissen zu sprechen, werden Sündenböcke präsentiert: Geflüchtete, Migrant:innen, „Fremde“. Die Altparteien übernehmen diese Ablenkungsstrategie nicht trotz, sondern wegen ihrer Funktion als Verteidiger der kapitalistischen Ordnung.
Umso wichtiger ist es, dass sich Arbeiter:innen dieser bewusst herbeigeführten Spaltung bewusst sind und sie richtig einordnen können. Nur durch die Erkenntnis, dass der wahre Gegner nicht der migrantische Arbeitskollege oder die geflüchtete Nachbarin ist, sondern die Klasse, die von der Ausbeutung aller Arbeiter:innen profitiert, kann eine solidarische Gegenmacht entstehen, die sowohl den kapitalistischen Verhältnissen als auch dem Faschismus, der aus ihnen erwächst, entschlossen entgegentritt.
