Obwohl es laut offiziellen Angaben 3 Millionen Arbeitslose gibt, will das Kapital unter dem Vorwand des „Arbeitskräftemangels” die Arbeitskraft älterer Menschen erneut als billige Arbeitskraft nutzen. Mit der „Aktivrente” soll die Rente im Grab zur offiziellen Politik werden.
Deutschland plant mit dem Programm „Aktivrente“, das 2026 in Kraft treten soll, Arbeitnehmer:innen, die das Rentenalter erreicht haben, im „Berufsleben“ zu halten. Die Regierung „ermutigt Rentner:innen zum Arbeiten“ mit dem Versprechen eines steuerfreien Einkommens von bis zu 2.000 Euro pro Monat. Die Begründung dafür lautet: „Arbeitskräftemangel”. Aber gibt es bei rund 3 Millionen Arbeitslosen wirklich einen Arbeitskräftemangel? Oder drängt das Kapital wie immer eine Politik des „Zugangs zu billigen Arbeitskräften” durch, die seinen eigenen Interessen dient?
Laut Daten aus dem Jahr 2025 gibt es in Deutschland über 3 Millionen Arbeitslose. OECD-Daten zeigen eine Arbeitslosenquote von 3,7 Prozent. Millionen von Menschen sind von der Produktion abgeschnitten. Die bürgerliche Wirtschaft zieht es jedoch vor, diese „Reservearmee von Arbeitskräften” bewusst aufrechtzuerhalten. Das Kapital nutzt diese Armee zu jeder Zeit nach Belieben aus, drückt die Löhne und hält den Wettbewerb am Leben.
Marx beschreibt dieses Phänomen im ersten Band von „Das Kapital“ wie folgt: „Mit fortschreitender Kapitalakkumulation wird ein Teil der Arbeiterklasse aus dem Produktionsprozess ausgeschlossen, und es entsteht eine ständige Reservearmee von Arbeitskräften. Diese Armee wächst und schrumpft je nach den Bedürfnissen des Kapitals; durch ihre Existenz werden die Löhne begrenzt und die Disziplin über die Arbeit aufrechterhalten.“
Marx‘ Analyse aus dem 19. Jahrhundert ist eine direkte Folge der kapitalistischen Produktionsverhältnisse und gilt auch heute noch.
Die „Aktivrente“, die Rentner:innen dazu auffordert, wieder zu arbeiten, ist genau das Ergebnis dieser Logik. Der Kapitalismus hat zu keiner Zeit versucht, die Arbeitslosigkeit zu „lösen“, denn die Existenz von Arbeitslosen ist eines der wirksamsten Mittel, um die Löhne der Arbeitnehmer:innen niedrig zu halten. Auch heute, wo in Deutschland 3 Millionen Menschen arbeitslos sind, will die Regierung unter dem Vorwand eines „Fachkräftemangels“ ältere Menschen in den Arbeitsmarkt drängen. Dieser sogenannte „Fachkräftemangel“ ist jedoch das Ergebnis der Weigerung des Kapitals, in Bildung und berufliche Umschulung zu investieren.
Es ist möglich, Fachkräfte auszubilden. Der Staat verfügt über die Ressourcen, die technologische Infrastruktur und die Ausbildungsmöglichkeiten. Das Kapital ist jedoch nicht bereit, diese Kosten zu tragen. Es wählt den kürzesten und billigsten Weg: die vorhandene Arbeitskraft länger und zu geringeren Kosten zu beschäftigen. Genau das ist der Kern der „Aktivrente”.
Diese sogenannte Reform wird aufgrund ihrer verschiedenen diskriminierenden und bürokratischen Mechanismen kontrovers diskutiert. Das eigentliche Problem liegt jedoch nicht in diesen Folgen, sondern in ihrer Klassenorientierung. In Wirklichkeit sind solche „Reformen“ eine neue Form der Abschaffung hart erkämpfter sozialer Rechte.
Die Rente wird von einem Recht zu einer „Möglichkeit“ degradiert. „Wenn du willst, kannst du arbeiten und bekommst dafür eine kleine Steuerermäßigung“, heißt es. Das Recht auf Rente, das Recht auf Erholung, wird der Logik des Marktes unterworfen. Das ist genau das, was man unter einer Rente im Grab versteht.
Deutschland startet diese Politik zunächst als Pilotprojekt und plant, sie 2029 dauerhaft einzuführen.
Diese Maßnahme steht nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa auf der gemeinsamen Agenda der Kapitalisten. In Frankreich wurde das Rentenalter unter Protesten angehoben und anschließend aufgrund gesellschaftlicher Reaktionen wieder zurückgenommen. Deutschland hingegen strebt an, diese neue Form der Ausbeutung unter dem Namen „Aktivrente” mit einem sanfteren Übergang umzusetzen. Die Forderung, die Arbeitskraft unter dem Vorwand der „alternden Bevölkerung” länger zu nutzen, ist ein klassischer Reflex des Kapitals.
Diese Tatsache zeigt die historische Sackgasse des Kapitalismus: Auf der einen Seite Millionen von Arbeitslosen, auf der anderen Seite der Begriff „Arbeitskräftemangel”.
Tatsächlich sind beide Phänomene das Ergebnis desselben Mechanismus: Das Kapital hält eine Armee von Arbeitslosen in ständiger Bereitschaft, um die Produktionskosten zu senken, zwingt aber gleichzeitig die Beschäftigten, länger in der Produktion zu bleiben.
Die Lösung liegt also darin, die Produktion entsprechend den gesellschaftlichen Bedürfnissen und unter zentraler Planung zu organisieren.
Die Arbeitszeiten müssen verkürzt, das Rentenalter gesenkt, die Produktion entsprechend den Bedürfnissen der Menschen geplant und die Renten auf ein „lebenswürdiges”, menschenwürdiges Niveau angehoben werden. All dies ist jedoch mit der Profitlogik des Kapitals unvereinbar. Die politischen Vertreter:innen des Kapitals sind so dreist, dass sie behaupten, Rentner:innen würden zu lange leben, und sich darüber beschweren. Rentner:innen dazu zu ermutigen oder zu zwingen, im Arbeitsleben zu bleiben, führt zu einem weiteren Anstieg der Zahl der Arbeitslosen.
Deshalb ist die „Aktivrente“ nicht im Interesse der Arbeiterklasse, wie sie beworben und gefördert wird. Es handelt sich um einen direkten Angriff auf die Arbeiterklasse. Die Anhebung des Rentenalters und die anschließende „Belohnung der arbeitenden Rentner:innen mit Steuerbefreiungen“ ist nichts anderes als eine Verschärfung der Ausbeutung. Die Kapitalist:innen werden von der Zahlung von Renten- und Krankenkassenbeiträgen für „arbeitende Rentner:innen“ befreit und können so möglichst viel Mehrwert aus der produktiven Arbeitskraft herausholen.
Wenn diese heute in Deutschland eingeführte Maßnahme Erfolg hat, wird sie morgen unter dem Deckmantel der „demografischen Notwendigkeit“ in ganz Europa durchgesetzt werden.
Das Kapital wird niemals davon absehen, die Arbeitskraft bis zum letzten Tropfen auszubeuten, solange es die Gelegenheit dazu hat. Wenn man sich dieser Maßnahme nicht entschlossen entgegenstellt, wird die Rente im wahrsten Sinne des Wortes ins Grab gelegt.
