15. Mai 2026

„Einsamkeit ist die moderne Krankheit der Welt.“ 

Der Ausdruck „Einsamkeit ist die moderne Krankheit der Welt“ beschreibt die unsichtbare Krise unserer Zeit sehr treffend.  Die Einsamkeit hat weltweit ein solches Ausmaß erreicht, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sie als „globale Gefahr für die öffentliche Gesundheit“ bezeichnet und zu Maßnahmen aufruft.  

Den Daten zufolge sterben weltweit jedes Jahr etwa 871.000 Menschen an den physischen und psychischen Folgen der Einsamkeit. Das sind durchschnittlich 100 Todesfälle pro Stunde.

Zum Vergleich: In den letzten Jahren starben weltweit durchschnittlich 120.000 Menschen pro Jahr in Kriegen. Die Zahl der Menschen, die aufgrund von Hunger sterben, beläuft sich auf etwa 9 Millionen pro Jahr, darunter etwa 3,1 Millionen Kinder. 

Diese Statistiken über Einsamkeit zeigen, dass die Auswirkungen der Einsamkeit ebenso verheerend sind wie Krieg und Hunger, jedoch viel leiser und schleichender voranschreiten.  

Großbritannien hat angesichts dieser Epidemie des „sozialen Todes“ 2018 als weltweit erstes Land ein Ministerium für Einsamkeit eingerichtet und begann 2020 mit landesweiten Projekten zur Bekämpfung der Einsamkeit. Deutschland hat 2023 einen ähnlichen Schritt unternommen und die Bekämpfung der Einsamkeit zu einer bundesweiten Politik gemacht. In Deutschland leidet jeder Vierte unter chronischer Einsamkeit, bei älteren Menschen steigt dieser Anteil sogar auf bis zu 50 %.

Weltweit ist jeder sechste Mensch (17 %) von Einsamkeit betroffen; bei jungen Menschen und in Ländern mit einem sehr geringen Einkommen steigt dieser Anteil auf bis zu 24 %.

In der heutigen Welt ist Einsamkeit nicht etwas, das dem Einzelnen angeboren ist, sondern eine globale kapitalistische Epidemie, die systematisch erzeugt und gefördert wird und Millionen Menschen stillschweigend vernichtet.

Einer der grundlegendsten Bereiche, in denen der Kapitalismus den Menschen verändert hat, ist die Beziehung, die der Mensch zu anderen Menschen aufbaut. Die Produktionsweise und die daraus resultierenden Beziehungen bestimmen nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das soziale Umfeld, die emotionalen Bindungen und unsere Wahrnehmung des Lebens. Menschen, die in den Menschenmassen der Städte ertrinken, aber dennoch einsam sind, sind eine direkte Folge der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Einsamkeit ist kein Zufall, sondern ein Resultat dieses Systems.

Obwohl Einsamkeit in der heutigen Welt als „persönliches Problem“ des Einzelnen dargestellt wird, geht dieses Problem über den Einzelnen hinaus. Es handelt sich um ein gesellschaftliches Problem, genauer gesagt um eine systematisch herbeigeführte Situation. Der Kapitalismus trennt den Einzelnen von seinen kollektiven Bindungen, seinen Solidaritätsbeziehungen, seiner Kultur des gemeinsamen Schaffens und Zusammenlebens. Denn solche Bindungen sind für das Kapital gefährlich. Der einsame Einzelne hingegen eignet sich am besten dazu, als Konsument geformt, gelenkt und gesteuert zu werden.

In der kapitalistischen Gesellschaft wird „Individualismus“ als Synonym für Freiheit propagiert. Es wird gepriesen, dass jeder „seinen eigenen Weg gehen“, „auf eigenen Beinen stehen“ und „ohne Hilfe von anderen leben“ soll. Allerdings ist dieser Individualismus keine Freiheit, sondern eine „höfliche“ Umschreibung für Isolation. 

Der Mensch ist von Natur aus sozial. Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Teilen sind seine grundlegendsten existenziellen Bedürfnisse. Werden diese Bedürfnisse unterdrückt, bleiben Einsamkeit, Entfremdung und schließlich seelischer Zusammenbruch zurück.

In der heutigen Welt ist Einsamkeit keine Ausnahme mehr, sondern sie zur Norm geworden. Die Menschen werden still unter der Last des „unabhängigen Individuums“ erdrückt. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen Tausende von „Freunden“ in den sozialen Medien haben, aber niemanden, der ihnen zuhört, ihnen eine Berührung schenkt, sie freundlich ansieht oder einfach nur ihre Existenz teilt. Algorithmen ersetzen aufrichtige Gespräche und geteilte Stille. Während psychische Störungen, Selbstmordraten und der Konsum von Antidepressiva zunehmen, werden all diese Brüche als Schwäche des Einzelnen abgestempelt. Dabei sind all diese stillen Schreie nicht das Werk des Einzelnen, sondern das Werk eines Systems, das den Menschen zerbricht und isoliert.

Der Kapitalismus vermarktet auch zwischenmenschliche Beziehungen. „Wert“ wird nur noch in Geld gemessen. Deshalb beginnen die Menschen, einander als „Netzwerk“ (nutzenorientierte Verbindung) und potenzielle Geschäftskontakte zu sehen. Selbst Freundschaften werden auf der Grundlage von „Effizienz“ geschlossen. Liebe wird zur „Investition”, Beziehungen zum „Risiko”, Menschen zu „Chancen”. In einer solchen Welt ist es unmöglich, echte Bindungen aufzubauen.

Dieser Zustand der Einsamkeit macht den Menschen zerbrechlich, verschlossen und mit der Zeit reaktionslos. Es wird schwieriger, einen gemeinsamen Widerstand zu organisieren, weil niemand mehr eine echte Verbindung zu anderen Menschen aufbaut. Begriffe wie Zusammenhalt, Solidarität und kollektiver Kampf sind für den isolierten Einzelnen nur leere Worte. Der Einzelne verschließt sich in sich selbst, vergräbt den unerträglichen Schmerz der Einsamkeit in sich und versucht, das Problem in seiner eigenen inneren Welt zu lösen. Das ist genau das, was das System will. Stille, fügsame, voneinander getrennte Individuen…

Was ist also die Lösung?  

Die Lösung liegt darin, wieder kollektive Bindungen aufzubauen und sich zu organisieren. Dieser Kreislauf der Einsamkeit kann nur gemeinsam, unter organisierten Strukturen durchbrochen werden. Solidarität ist nicht nur ein materielles, sondern auch ein emotionales Bedürfnis. Gemeinsam produzieren, gemeinsam entscheiden, gemeinsam leben, gemeinsam kämpfen… 

Das sind nicht nur die Ideale einer sozialistischen Utopie, sondern auch unverzichtbare Voraussetzungen für eine gesunde Seele, echte Freiheit und ein menschenwürdiges Leben. 

Der Kapitalismus lehrt uns, Individuen zu sein, trennt uns aber in Wirklichkeit voneinander. Dabei kann ein freier Mensch nur in freien Gemeinschaften existieren. Nicht Einsamkeit, sondern Solidarität gibt Kraft. 

„Der Mensch ist die Heimat des Menschen.“

Deshalb ist der Kampf gegen die Einsamkeit Teil des organisierten Klassenkampfes. Der Mensch wird allein geboren, muss aber nicht allein leben.