„Alligator Alcatraz“ ist ein jüngst errichtetes Internierungslager für Migrant:innen in den Everglades Floridas, benannt nach dem berüchtigten Gefängnis Alcatraz und den von Alligatoren beherrschten Sümpfen, die es umgeben. Die Anlage wurde auf einem stillgelegten Flughafen abseits jeglicher Zivilisation errichtet und ist von einer für Menschen kaum begehbaren Wildnis umgeben. Diese topografische Isolation wird von den politischen Befürwortern, unter anderem Floridas Gouverneur Ron DeSantis, bewusst als „natürliche Barriere“ inszeniert. Das Lager besteht aus einfachen Zelten und Containern, mit mangelhafter Infrastruktur, kaum Zugang zu Trinkwasser, Elektrizität oder medizinischer Versorgung. Zahlreiche Berichte dokumentieren unhygienische Zustände, Insektenplagen, verschmutzte Lebensmittel und psychisch zermürbende Bedingungen. Juristische Hilfe ist kaum zugänglich; indigene Gruppen wie der Miccosukee-Stamm klagen zudem gegen die Errichtung auf „heiligem Land“. Menschenrechtsorganisationen und Anwält:innen kritisieren die Einrichtung als menschenrechtswidrig, als Akt psychologischer Folter und als Symbol für eine eskalierende, rassistische Migrationspolitik in den USA.
Migration wird im globalen Kapitalismus systematisch produziert – durch imperialistische Kriege, ökonomische Ausbeutung und Klimazerstörung, gleichzeitig aber ideologisch kriminalisiert und politisch verwertet. Das Lager funktioniert dabei als Instrument der Klassenherrschaft: Es demonstriert staatliche Sanktionsmacht gegenüber jenen, die dem kapitalistischen Zentrum zu entkommen versuchen, und es macht klar, dass Rechte selektiv vergeben und jederzeit entzogen werden können. Migrant:innen werden nicht als Träger:innen von inhärenter Würde behandelt, sondern als zu isolierendes Sicherheitsrisiko. Diese Inszenierung knüpft an koloniale Muster der Entmenschlichung an und aktualisiert sie im Kontext einer rassifizierten Klassenordnung. In dieser Logik ist das Lager eine gewaltsame Antwort auf die Existenz von Migrant:innen und ihren unsicheren rechtlichen Status. Für das kapitalistische System sind sie zugleich notwendig, da sie leicht ausbeutbare Arbeitskraft sind, und bedrohlich, da sie nicht der gleichen staatlichen „Kontrolle“ bzw. Verwertung unterstehen.
„Alligator Alcatraz“ steht damit für eine neue Qualität spätkapitalistischer Repression: Die Grenzen zwischen Konzentrationslager und Gefängnis verschwimmen. Was sich hier formiert, ist eine autoritäre Migrationspolitik, die unter dem Deckmantel staatlicher Souveränität eine Zone außerhalb der Augen der Öffentlichkeit, außerhalb humaner Normen, außerhalb kollektiver Kontrolle schafft. Der bürgerliche Staat zeigt in solchen Lagern seine wahre Funktion: nicht als neutrale Ordnungsmacht, sondern als Instrument zur Aufrechterhaltung von Ausbeutung und Herrschaft, organisiert durch Gewalt, Rassismus und Disziplinierung.
Wenn in Florida Menschen zwischen Alligatoren und Sümpfen eingesperrt werden und in Palästina auf den Trümmern der Stadt Rafah ein Konzentrationslager gebaut werden soll, zeigt sich: Was wir immer als unwiederholbar und unvorstellbar bezeichnet haben, kehrt nicht zurück, es wird systematisch weitergeführt. Menschen werden wieder selektiert, entrechtet und in Lager gesperrt – vor den Augen der gesamten Öffentlichkeit. Wir erleben eine Zeit, die sich mit jedem neuen Verstoß gegen die Menschlichkeit tiefer von dem entfernt, was wir nach 1945 als universellen Konsens begriffen glaubten. Die Toleranz und das Schweigen gegenüber dem, was wir in Rafah und in Florida beobachten müssen, zeigt, dass „Nie wieder“ für die Staatsgewalt nur ein Lippenbekenntnis ist.
