15. Mai 2026

Merz: Israel macht im Iran die „Drecksarbeit für uns alle“

In einem Interview mit dem ZDF am Rande des G7-Gipfels beschreibt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) das militärische Vorgehen Israels gegen den Iran als die „Drecksarbeit“, die Israel für uns alle mache. Er erklärte, dass ohne die Unterstützung durch den Iran der Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober nicht möglich gewesen wäre, und lobte die israelische Reaktion als mutig. Merz geht davon aus, dass das iranische Atomprogramm durch die israelischen Angriffe weitgehend gestoppt oder zumindest stark geschwächt wurde, betonte jedoch, dass man die tatsächlichen Auswirkungen erst in einigen Tagen oder Wochen abschätzen könne.

„Sie wissen sehr wohl, was sie tun, aber trotzdem tun sie es.“ (Slavoj Žižek)

Als Friedrich Merz sagte, Israel erledige im Iran „die Drecksarbeit für uns alle“, war die Empörung groß. Doch jenseits der Empfindlichkeit gegenüber Ton und Takt lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen: Was genau sagt dieser Satz eigentlich über das ideologische Denken aus, das ihn hervorgebracht hat?

„Drecksarbeit“ ist kein diplomatischer Begriff. Er klingt nach etwas Schmutzigem, nach etwas moralisch Fragwürdigem, nach etwas, das getan werden muss, aber das niemand gerne selbst macht. Und genau so meint Merz das auch: Israel übernimmt militärische Aufgaben, die aus seiner Sicht im Interesse des Westens liegen, aber zu heikel sind, als dass europäische Staaten sie offen ausführen könnten. Es geht also nicht um moralische Reinheit, das wäre zu naiv gedacht, sondern um eine kluge Rollenverteilung: Gewalt, ja, aber möglichst dort, wo sie diplomatisch weniger kostet. Der Satz macht sichtbar, wie sich liberale Demokratien an gewaltsamen Ordnungsprozessen beteiligen, ohne sich selbst die Hände schmutzig machen zu müssen – eine Arbeitsteilung, bei der andere die Bomben werfen, während man sich im eigenen Land auf Regeln und Rechtsstaat beruft.

Ideologiekritisch ist das ein klassischer Fall von Zynismus als ideologische Form in dem Sinn, wie Slavoj Žižek ihn beschreibt: Nicht das Verdrängen der Wahrheit ist hier das Problem, sondern das kalkulierte Wissen darum. Man weiß, dass das, was geschieht, moralisch fragwürdig oder völkerrechtlich bedenklich ist und macht es trotzdem. Mehr noch: Dieses Wissen wird sogar ausgesprochen, um sich gegen Kritik zu immunisieren. Und genau dadurch wird die Gewalt normalisiert. Sie erscheint nicht mehr als Skandal, sondern als unausweichlicher Teil einer Weltordnung, die nun mal so sei, wie sie ist. Der offene Umgang mit der eigenen Komplizenschaft wird damit zur rhetorischen Waffe.

Dabei ist das, was Israel da angeblich für „uns alle“ erledigt, kein konkretes Sicherheitsproblem, sondern Teil einer geopolitischen Interessenlage. Der Iran ist weniger eine Bedrohung „unserer Werte“, sondern vielmehr ein Störfaktor in der globalen Ordnung des Kapitals. Mit seiner eigenständigen Energiepolitik, seiner Nähe zu Russland und China und seinem Widerstand gegen westliche Hegemonie steht er quer zu den Interessen jener Staaten, die an der Spitze der Weltwirtschaft stehen. Dass Israel in dieser Situation militärisch eingreift, ist Teil einer imperialistischen Arbeitsteilung: Wer militärisch zugreift, schützt auch ökonomische Vorherrschaft.

Der Satz von Merz ist also mehr als nur eine holprige Formulierung. Er zeigt, wie offen über das gesprochen wird, was man eigentlich lieber verschweigen würde: dass die globale kapitalistische Ordnung eben nicht nur auf Verträgen und Regeln basiert, sondern auch auf Gewalt. „Drecksarbeit“ ist ein Wort, das vieles sagt: über die rohe Ehrlichkeit hinter dem Zynismus „unseres“ Bundeskanzlers, über das funktionale Verhältnis zur Gewalt und über die ökonomischen Interessen, die hinter solchen Aussagen stehen. Wer so spricht, geht nicht davon aus, dass er Empörung erntet, sondern Zustimmung – das Beunruhigende daran ist, dass seine Kalkulation auch aufgegangen ist.  

(Literaturverweis: Žižek, Slavoj. The Sublime Object of Ideology. London: Verso, 1989. S. 19)