15. Mai 2026

Über die Ausweitung der US-Militärpräsenz in Lateinamerika

Während der Präsidentschaft von Joe Biden und unter der Leitung von Generalin Laura Richardson im Jahr 2021 weitete sich die Militärpräsenz der USA in Lateinamerika merklich aus. So gab es erweiterte militärische Manöver mit Ländern wie Kolumbien, Ecuador und Guyana ab 2022, neue Stützpunkte und Sicherheitsabkommen mit Ecuador und den Galapagos-Inseln ab 2023 und eine zunehmende Militärpräsenz in strategisch relevanten Gebieten wie z.B. dem Amazonasgebiet und der Pazifikküste.  Donald Trump führt diesen Trend nun weiter, indem er sich in der letzten Zeit verstärkt auf Mexiko und Panama fokussiert und deren Kontrolle in den Blick genommen hat. 

Wie ist das Interesse der USA an Lateinamerika zu interpretieren?

Die verstärkte militärische Präsenz der Vereinigten Staaten in Lateinamerika ist keine sicherheitspolitische Ausnahme, sondern das Ergebnis einer langfristig angelegten, strukturell bedingten Entwicklung. Sie ist nicht auf regionale Instabilität oder Philanthropie der USA zurückzuführen, sondern folgt der Logik des imperialistischen Kapitalismus. W. I. Lenin beschreibt den Imperialismus als das „höchste Stadium des Kapitalismus“, das durch die Konzentration von Kapital, die Vorherrschaft des Finanzkapitals, den internationalen Kapitalexport und die Aufteilung der Welt unter den Großmächten geprägt ist. Innerhalb dieser Logik ergibt sich eine strukturelle Interessenlage kapitalistischer Zentren wie der USA, periphere Regionen – etwa Lateinamerika – ökonomisch zu kontrollieren und politisch in Abhängigkeit zu halten.

Der Ausbau von Militärbasen, „Sicherheits“abkommen und geheimdienstlicher Aktionen ist in diesem Zusammenhang nicht als Sicherheitsmaßnahme zu sehen, sondern als Instrument zur Absicherung von globalen Kapitalinteressen. Insbesondere in Regionen, die strategische Rohstoffe, geopolitische Schlüsselstellungen oder wachsende politische Unruhe zeigen, dienen militärische Strukturen als Garanten für neoliberale Stabilität. Dabei geht es nicht nur um den Zugang zu Ressourcen, sondern auch um die ideologische und strukturelle Einbindung dieser Areale in den globalen kapitalistischen Markt – unter Ausschluss und Bekämpfung alternativer, insbesondere sozialistischer oder antiimperialistischer Kräfte.

Die US-Militärpräsenz übernimmt in diesem Kontext eine disziplinierende Funktion gegenüber Regierungen und sozialen Bewegungen, die sich dieser globalen Ordnung entziehen oder ihr widersprechen. Die durch das Militär herbeigeführte Stabilität dient dabei nicht dem Schutz der lokalen Bevölkerung, sondern der Sicherstellung geopolitischer Kontrolle und der Absicherung internationaler Eigentumsverhältnisse. Die Militarisierung trägt dabei auch zur Erosion und Kriminalisierung politischer Strukturen und zur Erzeugung eines Klimas der Unterdrückung und Repression bei, was gesellschaftliche Veränderung systematisch blockiert. 

Damals und heute: Lateinamerikanische Länder unter dem Einfluss der USA

Diese Strategie ist nicht neu und zeigte sich in der Vergangenheit bereits an der Entstehung und Funktionsweise von Operation Condor – einem geheimen, transnationalen Netzwerk südamerikanischer Militärdiktaturen in den 1970er Jahren. Unter aktiver Unterstützung der USA errichteten Staaten wie Chile, Argentinien und Brasilien ein alternatives Machtsystem, das systematisch linke Oppositionelle, Intellektuelle und soziale Bewegungen verfolgte und unterdrückte. Diese „Parallelstaaten“ agierten mit äußerster Brutalität, folterten und verfolgten besonders Kommunist:innen und laute Gegner:innen des Systems, blieben jedoch rechtlich unangreifbar und wahrten nach außen hin die Fassade staatlicher Legalität. Die USA hatten dabei großen Einfluss auf die Finanzierung, Ausbildung und Entwicklung technischer Infrastruktur dieser repressiven Strukturen. (vgl. McSherry, J. P. (2005). Predatory States: Operation Condor and Covert War in Latin America)

Operation Condor war dabei kein isoliertes Ereignis, sondern Bestandteil einer langfristigen Strategie zur Eindämmung linker Kräfte in der Region, um eine politische Selbstbestimmung des Gebiets außerhalb des US-amerikansichen Einflusses zu verhindern – mit schweren Folgen für die zivile Gesellschaft: Militärdiktaturen wie in Argentinien, Chile oder Brasilien schufen durch militärische Gewalt eine „Stabilität“, die besonders Konzerne aus den USA ausbeuten konnten. Gewerkschaften wurden unterdrückt, Mindestlöhne niedrig gehalten, Streiks brutal zerschlagen – alles im Interesse des Kapitals.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die US-Militarisierung Lateinamerikas kein historischer Zufall ist und keine Reaktion auf äußere Bedrohungen ist, sondern Ausdruck von imperialistischen Interessen. Dabei zielt die Militarisierung nicht nur auf die Aufrechterhaltung ökonomischer und politischer Hegemonie ab, sondern führt auch zu einer systematischen Schwächung gesellschaftlicher Veränderung. Die von den USA gestützte Ordnung trägt zur Aufrechterhaltung globaler Ungleichheit bei, untergräbt die Selbstbestimmung der Bevölkerungen und etabliert ein Verhältnis struktureller Ungleichheit – zentrale Merkmale jenes globalen Kapitalismus, den Lenin bereits vor über einem Jahrhundert mit Schärfe und detaillierter Korrektheit beschrieben hat.