In dieser Woche fanden vom 17. – 19.03.2025 im Oberlandesgericht Hamm Prozesse gegen RWE statt. Der Kleinbauer und Bergführer Saúl Lliuya verklagte den Energiekonzern für den Schaden an der Umwelt und die steigende Gefahr, der die peruanische Stadt Huaraz ausgesetzt wird.
Die Bedrohung durch den Klimawandel
Eine umfassende Studie, veröffentlicht im Fachjournal Nature Communications, analysierte 1.089 Gletscherbecken in 30 Ländern und ergab, dass weltweit etwa 15 Millionen Menschen in einem Umkreis von 50 Kilometern um einen Gletschersee leben und somit potenziell von Gletschersee-Ausbrüchen betroffen sind. Besonders gefährdet sind Regionen im Himalaya sowie in den Anden, insbesondere in Peru und Bolivien.
Das stellt auch eine reale Bedrohung für die rund 50.000 Einwohner:innen der Stadt Huaraz dar, aus der Saúl Lliuya kommt. Die Stadt liegt in den Anden am Fuße des Gletschersees Palcacocha, der 1.500 Meter über der Stadt liegt. Der Wasserspiegel des Palcacocha ist seit 1970 um das 34-fache gestiegen.
Der Klimawandel beschleunigt das Schmelzen der Gletscher, wodurch sich immer größere Gletscherseen bilden, die das Risiko von Gletschersee-Ausbrüchen erhöhen. Gletschereis, insbesondere Permafrost, stabilisiert das darunter liegende Gestein, doch das Auftauen des Permafrosts durch steigende Temperaturen schwächt diese Stabilität, was die Gefahr von Dammversagen erhöht. Wenn diese Dämme versagen, können katastrophale Überschwemmungen entstehen, die große Gebirgstäler und umliegende Gemeinden bedrohen. Somit verstärkt der Klimawandel die Häufigkeit und Intensität solcher gefährlichen Naturereignisse.
RWE als einer der Haupttäter der Klimakrise
Der Prozess der Gletscherschmelze wird maßgeblich durch die CO2-Emissionen großer Energiekonzerne wie RWE vorangetrieben, die durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe zur globalen Erwärmung beitragen. Laut dem Carbon Majors Report von 2017 gehören RWE und andere große Energiekonzerne zu den weltweit größten CO2-Verursachern. RWE war zu diesem Zeitpunkt für etwa 1,5% der globalen CO2-Emissionen seit Beginn der industriellen Revolution verantwortlich. Im Jahr 2020 schätzte eine Studie der Non-Profit-Organisation „Carbon Tracker“, dass RWE in diesem Jahr etwa 106 Millionen Tonnen CO2 produzierte.
Saúl Lliuya hat sich mit der Unterstützung von Germanwatch, einer deutschen NGO, dazu entschieden, RWE mit einer Klage zur Rechenschaft zu ziehen. Sie fordern vom RWE eine Entschädigung von knapp 20.000 Euro, entsprechend dem Anteil, der RWE an den globalen Treibhausgasemissionen zugerechnet wird. Das sind laut aktuellem Stand etwa 0,38 Prozent. Das Geld soll in ein neues Schutzsystem für die Stadt Huaraz investiert werden, damit sie vor den drohenden Gletschersee-Ausbrüchen sicher ist.
Was für einen Konzern wie den RWE wie eine lächerlich geringe Summe klingt, hat jedoch eine große Symbolkraft und könnte auch weitreichende Konsequenzen für den Energieriesen bedeuten. Denn sollte Saúl Lliuya Ansprüche geltend machen können, bedeutet das für den RWE, dass alle betroffenen ihrer rücksichtslosen Profitgier, ebenfalls Ansprüche geltend machen können. Der Fall hat also einen Präzedenz Charakter und Saúl Lliuya führt den Kampf gegen den Energieriesen stellvertretend für alle Menschen aus dem globalen Süden, die als erstes und am schwersten vom Klimawandel betroffen sind und auch in Zukunft sein werden.
2015 ging Lliuya erstmals in Essen vor Gericht und verlor bei seinem Anliegen. 2017 hatte jedoch das Oberlandesgericht Hamm überraschenderweise entschieden, in die Beweisaufnahme zu gehen, denn sie befanden das Anliegen des Bauern für gerechtfertigt. 2022 reisten dafür Anwälte, Richter und Gutachter in die Region, um sich ein umfassendes Bild von der Lage am Palcacocha See zu machen. Am 17.03 dieses Jahres startete die Verhandlung im Oberlandesgericht in Hamm. Das Urteil wird am 14.04.2025 verkündet.
