15. Mai 2026

Weniger Berichte über Mannheim – Zufall?

Als bekannt wurde, dass der mutmaßliche Täter von Mannheim ein deutscher Staatsbürger ohne Migrationshintergrund ist, schien kurz Erleichterung einzutreten. Später gab es Hinweise auf eine psychische Erkrankung und mögliche rechtsextreme Verbindungen. Dennoch blieb die mediale Aufmerksamkeit gering – anders als bei früheren Anschlägen in München und Magdeburg, bei denen Geflüchtete tatverdächtig waren. Laut einer Analyse von BuzzFeed News Deutschland wurde über diese Fälle mehr als doppelt so viel berichtet. 

Am 20. Dezember tötet ein 50-jähriger Saudi auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt sechs Menschen. Wenige Wochen später rast ein 24-jähriger Afghane in eine Verdi-Demo – eine Mutter und ihr Kind sterben. Am 3. März folgt Mannheim: Zwei Tote durch einen 40-jährigen Deutschen. Eine Analyse von BuzzFeed News Deutschland zeigt: Die mediale Aufmerksamkeit war ungleich verteilt. Während Magdeburg und München deutlich mehr Beiträge in Leitmedien erhielten, wurde Mannheim nicht so oft erwähnt – weniger als halb so oft. Lag das am deutschen Täter?

Ein Artikel der Frankfurter Rundschau vor einigen Tagen analysiert die Lage wie folgt: 

„Ein Blick auf die Daten der Plattform Newswhip bestätigt die Ergebnisse. Mit Hilfe des Anbieters analysieren wir deutsche Onlinemedien. Auf Newswhip werden uns mit den gleichen Suchkriterien 4.312 deutsche Onlineartikel nach dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt angezeigt. Zum Anschlag in München 4.349 und zur Tat in Mannheim 2.479. Nur am Tag der Tat wurde über Mannheim mehr berichtet als über Magdeburg. Dies könnte mit dem Zeitpunkt der Taten zu tun haben. Während die Angriffe in Mannheim und München gegen 12:15 Uhr und 10:30 Uhr begangen wurden, war es in Magdeburg bereits Abend (19:04 Uhr).

Die BuzzFeed News-Recherche liefert mit beiden Tools beinahe identische Ergebnisse: Über Magdeburg und München wurde etwa doppelt so häufig berichtet, war das Medieninteresse offenbar doppelt so groß. Die Zahlen passen zu einem Muster, das Forscher in unterschiedlichen Analysen herausgearbeitet haben. „Die Stille nach dem Anschlag von Mannheim ist ganz typisch“, weiß der Journalismusprofessor Thomas Hestermann. Er erforscht seit fast 20 Jahren, wie Medien über Gewalt berichten und weiß, „besonders häufig wird dann berichtet, wenn der Tatverdächtige keinen deutschen Pass hat“. 

Warum Medien das Interesse verlieren, wenn der Tatverdächtige ein Deutscher ist

Dabei gibt es zwischen Herkunft und Kriminalität keinen direkten Zusammenhang, wissen Experten. Warum also dieser Unterschied? In Deutschland stehe eine „Betroffenheitsarmada“ bereit, die nach Gewalttaten Trauer und Wut auf die Straße und in die Kommentarspalten trage, „aber nur, wenn ein Ausländer unter Tatverdacht steht“, sagt Hestermann BuzzFeed News Deutschland. Dann gehe es darum, dass verschiedene Kulturen einfach nicht zusammenpassen würden. Dann erscheine die einzelne Tat Ausdruck eines größeren Problems zu sein

„Ist der Tatverdächtige ein Geflüchteter, lässt es sich in eine größere politische Diskussion über Migration und Asyl einordnen“, sagt auch der Wissenschaftler Sekou Keita. Er hat eine Studie zur Herkunftsnennung von Tatverdächtigen in Deutschland durchgeführt und glaubt, ein Grund für das verlorene Interesse der Medien nach der Tat in Mannheim „könnte die gefühlte Wichtigkeit eines Themas sein. Das bedeutet, wenn der Tatverdächtige ein Deutscher ist, ist es gefühlt weniger relevant.“ 

Doch durch die Verzerrung in den Medien könne „ein Problem größer erscheinen, als es ist“, sagt Keita. „Die Angst vor dem Fremden ist ein Geschäftsmodell. Mit Angst lassen sich Klicks und Quoten generieren und letztlich auch Wahlen entscheiden. Da interessiert es nicht, dass das Risiko, Opfer einer Gewalttat zu werden, in den letzten Jahren nahezu gleichgeblieben ist, trotz starker Einwanderung besonders 2015 und 2016“, sagt Hestermann. Deutschland bleibe eines der sichersten Länder der Welt. „Doch Gefühle wirken stärker als Fakten.““

(https://www.fr.de/panorama/analyse-medieninteresse-nach-mannheim-halb-so-gross-wie-nach-magdeburg-und-muenchen-zr-93613823.html)