13. Mai 2026

Istanbul: Zwei Femizide an einem Tag

Vor wenigen Tagen, am 4. Oktober 2024, ermordete der 19–jährige Semih Celik in Istanbul im Abstand von einer halben Stunde die 19–jährigen Mädchen Ikbal Uzuner und Aysenur Halil kaltblütig. Gegen 15:30 Uhr ermordete der Täter zunächst Aysenur Halil im Stadtteil Eyüpsultan und fuhr dann rüber nach Fatih. Auf brutalste Weise köpfte er dann dort das junge Mädchen Ikbal Uzuner auf der Stadtmauer und warf sich daraufhin von dort herunter.
 
Später ergaben sich durch polizeiliche Ermittlungen folgende Informationen. Beide Mädchen waren die Ex – Freundinnen des Täters. Außerdem erschien ein Video, welches der Täter ein Jahr zuvor in seinem Zimmer von sich aufnahm. In diesem Video erzählt er davon, dass er Ikbal eigentlich einen Tag bevor er das Video aufnahm, töten wollte, aber das Schicksal es nicht so gewollt hätte und somit versuchte er nur sich selbst das Leben zu nehmen. 
 
Seinen Eltern fielen die Merkwürdigkeiten und Auffälligkeiten auch schon lange vor dieser Tat auf. Der Täter schmiss in der 13. Klasse die Schule, wurde aufgrund von Gewalttaten in der Schule und der Einnahme von Drogen bereits auffällig und wurde von seinen Eltern auch mehrfach zu psychologischen Untersuchungen in die Klinik gebracht. In dem Zimmer des Täters befanden sich sowohl Bilder von satanistischen Illustrationen als auch Zeichnungen von einer Frau, die in Blut trieft und Ikbal zu ähneln scheint. Es lässt sich also darauf schließen, dass es genügend Anzeichen auf die gewaltsamen Fantasien des jungen Täters gab.
 
Die infolge dieser Gräueltat entstandenen Proteste unter dem Hashtag „Es reicht!“ kritisieren vor allem die Relativierung der Tat, weil Politiker, Medien und andere staatliche Strukturen in der Türkei bloß von einem einzelnen psychisch Kranken reden. Die Protestierenden führen diese Tat jedoch nicht bloß auf die Psyche des Täters, sondern vor allem auf die systematisch patriarchalen Strukturen der Türkei zurück, die es den Männern in der Gesellschaft erlauben, mit derartigen Fantasien durch die Straßen zu schlendern. Hierbei nehmen sie vor allem das AKP-Regime in Angriff, welches durch mediale Zensuren, harte Repressionen an Unis und Schulen und durch das Verschweigen der Grausamkeit dieser Tat versucht, den Protest der Frauen zu unterbinden.
 
Nach Statistiken der Plattform „Wir werden Femizide stoppen!“ wurden im Jahr 2023 315 Frauen von Männern ermordet. Bei den Tätern handelte es sich in 41% der Fälle um die Ehemänner der Frauen. Aysenur Halil und Ikbal Uzuner sind keine Einzelfälle. Sie sind das Resultat einer langjährigen Politik, die auf der gesellschaftlichen Unterdrückung der Frau basiert. Diese Politik wiederum liegt in der Natur des kapitalistischen Systems, das die Frau seit seiner Entstehung als einen Menschen zweiter Klasse behandelt und präsentiert. Dementsprechend wird es auch weiterhin zu zahlreichen Femiziden kommen; nicht nur in der Türkei, sondern auch in allen anderen kapitalistischen Ländern. Westliche Länder sind hierbei keine Ausnahme: Allein in Deutschland wurden 2023 nach offiziellen Angaben 155 Frauen (jeden 2. Tag) durch ihren (Ex-)Partner ermordet.