Bei den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen hat die AfD bei den 18 bis 24-Jährigen am meisten an Stimmen gewonnen, die Grünen haben am meisten Stimmen eingebüßt. Im Vergleich zur Landtagswahl in Sachsen im Jahr 2019 hat die AfD in der Gruppe der 18 bis 24-Jährigen elf Prozentpunkte gewonnen; insgesamt wählten 31% dieser Wählergruppe die AfD. In Thüringen gewann sie in derselben Wählergruppe sechzehn Prozentpunkte, sodass sie auf insgesamt 38% der Stimmen von jungen Wähler:innen kam.
In den letzten 20 Jahren hat sich das Verhalten in westlichen Parlamentswahlen stark verändert: Während vor zwei Jahrzehnten Frauen und Männer in ihren Wahlentscheidungen in etwa gleichauf waren, wählen Männer heute deutlich öfter rechts, Frauen tendieren mehr nach links. Doch in keiner anderen Altersklasse driften die Wahlentscheidungen von Frauen und Männer so stark auseinander wie bei den 18 bis 24-Jährigen: Junge Männer wählen vermehrt die FDP und die AfD, während junge Frauen eher zu den Grünen tendieren, die immer noch bei vielen Menschen einen linken Anschein wahren. So wählten in Thüringen 38% der Männer und 27% der Frauen die AfD. Was ist es, dass so viele junge Menschen in die Arme der AfD treibt?
Was verursacht den Rechtsruck?
Eine grundsätzliche Basis für die Wanderung nach rechts legt die aktuell sehr schlechte wirtschaftliche Lage und damit verbunden die Politik der Ampelregierung. Breite Teile der Bevölkerung wissen, dass für sie keine Politik gemacht wird und dass die Symbolpolitik der Ampelregierung ihnen nicht dabei helfen wird, ihre Rechnungen zu bezahlen und die Familie zu ernähren. Während die Arbeitslosigkeit, Inflation und Preise steigen, unterstützt die Regierung lieber den Krieg in der Ukraine oder den Genozid an den Palästinenser:innen, als sich um eine Entlastung der Arbeiter:innenklasse zu bemühen. Umfragen zeigen, dass junge Menschen Angst vor Altersarmut und Krieg haben. In ihrer Opposition zum Krieg gegen Russland schafft es die AfD, viele Sympathiepunkte zu sammeln; auch wenn sie in der Realität keine Friedenspartei ist, sondern nur den Teil der Kapitalistenklasse vertritt, die imperialistische Zusammenarbeit mit Russland fördern will. Doch unabhängig von solchem fehlenden Hintergrundwissen sind die Ängste der Jugendlichen realistisch und einfach der aktuellen Regierung zuzuschreiben. Studien zeigen deutlich, dass diese Abstiegsängste Menschen eher dazu bewegen, rechtes Gedankengut anzunehmen. Die aktuell schlechte Ausgangslage war für 51% der Menschen ein Grund dafür, ihr Kreuz bei der AfD zu setzen.
Aber nicht nur die wirtschaftliche Lage ist schlecht: Ein großer Teil der männlichen Wähler der AfD sind zudem unzufrieden mit ihrem gesellschaftlichen Dasein, denn auch auf dem Beziehungsmarkt hat sich in den letzten 40 Jahren einiges verändert. Seit den 80er Jahren machen Frauen im Schnitt häufiger das Abitur als Männer, 2021 studierten erstmals mehr Frauen als Männer. Frauen sind finanziell deutlich unabhängiger geworden, schaffen sich eigene Lebensrealitäten und sind nicht mehr auf Männer als „Ernährer“ der Familie angewiesen. Viele Männer, besonders diejenigen mit niedrigem Bildungsniveau, spüren, dass es für sie schwerer geworden ist, eine Partnerin zu finden. Dies deckt sich mit dem Fakt, dass besonders ledige Männer aus niedrigeren Bildungsschichten die AfD wählen. Der AfD gelingt es, diese jungen und unzufriedenen Männer auf Sinnsuche für ihre Inhalte zu begeistern: sie setzt bei den Sorgen der Wähler:innen an und bietet einfache Lösungen für komplexe Probleme. Hierzu werden veraltete, patriarchale Vorstellungen von Liebe, Familie und Gesellschaft in nostalgischer Manier als etwas propagiert, was dringend zurückkehren muss. So greift der AfD-Politiker Maximilian Krah auf der Plattform Tiktok den Wunsch nach einer Beziehung auf und sagt: „(…) Echte Männer sind rechts, echte Männer haben Ideale, echte Männer sind Patrioten – dann klappt’s auch mit der Freundin.“
Maximilian Krah ist nur einer der AfD-Politiker:innen, die sehr aktiv auf sämtlichen Social-Media Plattformen sind – etwas, das sie direkt in die Nähe einer jungen Zielgruppe bringt und die Agitation erleichtert. Vor allem nach den Messerangriffen in Mannheim und Solingen, wodurch ein wirkungsvolles rassistisches Fundament für rechte Propaganda geschaffen wurde, nutzten AfD-Anhänger:innen die Situation vollständig aus und überfluteten die sozialen Medien mit Hetzvideos gegen Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund. Als allgemeiner Grundstein für die rechte Hetze und das Erstarken der Rechten innerhalb der Jugend diente jedoch laut Studien die „Normalisierung“ der AfD bzw. von rechten Diskursen. Für diese Normalisierung und die Etablierung der AfD als salonfähige Partei tragen wiederum hauptsächlich die bürgerlichen Systemparteien von CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP die Verantwortung.
Was tun?
Klar ist: Der Rechtsruck, insbesondere unter jungen Wähler:innen, lässt sich nicht allein durch die Politik der etablierten Parteien aufhalten. Die Systemparteien haben durch ihre neoliberale und militaristische Politik das Vertrauen vieler Menschen, vor allem aus der Arbeiter:innenklasse, verloren. Die wirtschaftliche Unsicherheit, die soziale Entfremdung und die Abstiegsängste, die viele junge Menschen plagen, werden von diesen Parteien entweder ignoriert oder mit symbolischen Maßnahmen beantwortet, die den Alltag der Betroffenen kaum verbessern. Um den Rechtsruck nachhaltig zu bekämpfen, braucht es eine klare, sozialistische Alternative, die die realen Probleme der Menschen direkt anspricht. Dabei ist es entscheidend, dass die sozialistische Agitation verständlich, konkret und nah an den Lebensrealitäten der Menschen bleibt. Anstatt komplexe theoretische Diskussionen zu führen, braucht es sozialistische Ideen, die in einfacher und nachvollziehbarer Sprache vermittelt werden. Es geht darum, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, und ihnen konkrete Lösungen für ihre wirtschaftlichen und sozialen Sorgen anzubieten. Nur so kann eine glaubwürdige und kraftvolle Alternative zur irreführenden Rechten geschaffen werden, die den Menschen Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft gibt.
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