Die Diskussion um Künstliche Intelligenz ist von allen Seiten laut – KI, so sagt man einerseits, bringe Potenziale, aber andererseits auch Risiken mit sich. KI-Assistenzen haben Einhalt gewonnen in Musikproduktion und visueller Kunstproduktion, aber auch in Schulen und Universitäten werden Large Language Models, sogenannte LLMs, vielerorts von Schüler:innen und Studierenden genutzt, um Texte zu verarbeiten und zu produzieren. LLMs sind lediglich eine spezielle Unterkategorie der Künstlichen Intelligenz, die sich auf die Verarbeitung und Generierung von menschlicher Sprache spezialisiert hat. Mit ihnen lassen sich Lese- und Schreibkompetenzen auslagern, was sich nicht zuletzt auf die Alphabetisierung und ihre Beibehaltung auswirken kann. Neben der Auslagerung intellektueller Arbeit im Lehrkontext sieht die kapitalistische Industrie den Nutzen von KI in der Effizienzsteigerung. Sie werde „sicher, skalierbar und wirksam.“ Es lässt sich diskutieren, ob die Weiterentwicklung und Demokratisierung von KI im hiesigen Kontext des westlichen Imperialismus nicht sogar das Endstadium der kapitalistischen Produktion sind. Wir möchten die Idee unterbreiten, dass die Resultate dieser Entwicklung Deskilling und sog. „Bullshit-Jobs“ Symptome dieser Entwicklung sind, die direkten Einfluss auf die Effektivität und direkte Form des Klassenkampfes haben.
Von der Dampfmaschine zur automatisierten, KI-gestützten Produktion lässt sich die Entwicklung von der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart abzeichnen, die die notwendige Arbeit, nach Marx, auf ein Minimum verkürzt hat. Mit der notwendigen Arbeit meint Marx das spezifische „Quantum“ (die unbestimmbare Menge) Arbeit, welches für die Produktion einer Ware A aufgebracht werden muss. Wenn die Produktion von Ware A in Zeiten der industriellen Revolution 2 Stunden gedauert hat, so dauert sie unter den heutigen Produktionsbedingungen nur noch ein Bruchteil dieser 2 Stunden. Die logische Konsequenz, so Marx, müsste eine Verkürzung des Arbeitstages sein, weil man nun nicht mehr so viel arbeiten muss, um die notwendige (= notwendig für den Konsum) Menge an Waren zu produzieren. Wir befinden uns heute in einer Zeit der massiven Überproduktion und des Überkonsums. Ersteres kann durch zweiteres jedoch kaum kompensiert werden, so landet eine Vielzahl an Waren unkonsumiert auf Müllkippen und verschmutzen den Planeten. Mit Hinblick auf die historische Entwicklung hin zum 8-Stunden Arbeitstag ist dieser die logische Konsequenz der Entwicklung der Produktion, jedoch war auch er das Ergebnis von langem, harten Arbeiter:innenkampf.
Der Kapitalist verdient in der Produktion von Waren primär am produzierten Mehrwert. „Die KI kann keinen Mehrwert produzieren und deshalb auch nicht den:die Arbeiter:in ersetzen, weil nur durch die menschliche Arbeit Mehrwert zugesetzt werden kann“ – aber was bedeutet das konkret? Wenn es, im 8-Stunden Arbeitstag, 6 Stunden dauert, um Waren im Wert des Arbeitslohns (bei Marx „Wert der Arbeitskraft“) zu produzieren, man aber weitere 2 darauf verwendet, um weiter zu produzieren, dann ist ebendiese Mehrarbeit von 2 Stunden, was den Mehrwert produziert. Der Mehrwert ist also der durch die Person produzierte Warenwert, der über die Vergütung der Arbeitskraft hinaus produziert und vom Kapitalisten vereinnahmt wird. Eine KI ist im Marxismus konstantes Kapital (oder „totes Kapital“), weil sie lediglich bereits vorhandenes, von Menschen geschaffenes Wissen verarbeitet und automatisiert. Sie ist, um beim Szenario der Produktion zu bleiben, kein Ersatz für den:die Arbeiter:in, sondern eine neue Maschine, die der Mensch bedient. Jetzt ist es trotzdem so, dass mit KI ein Profit geschaffen werden kann. Der Profit für den Kapitalisten ist nicht direkt gleich dem Mehrwert. Der Profit, den ein KI-Business macht, ist meist kein „neuer“ Wert, der durch die KI aus dem Nichts erschaffen wurde. Stattdessen handelt es sich um einen Teil des gesellschaftlichen Mehrwerts, der in der Gesamtwirtschaft durch andere menschliche Arbeiter erarbeitet und durch den technologischen Vorteil (höhere Effizienz) in Richtung der KI-Besitzer umverteilt wird. So wird die logische Konsequenz aus der Implementierung von KI in der Produktion eine Kostensenkung für den Kapitalisten sein, aber nicht zwangsläufig einen kompletten Ersatz für Arbeiter:innen darstellen, da diese Maschinen von irgendwem „gefüttert,“ bedient und/oder gewartet werden müssen.
Durch die Veränderung der konkreten Tätigkeiten im Rahmen der Lohnarbeit in der Produktion verändert die Position der Arbeiter:innen in der Produktion, in der Gesamtwirtschaft und in der Gesellschaft insgesamt. Die Senkung der notwendigen Arbeit(szeit), wie im ersten Punkt bereits diskutiert, unter Berücksichtigung der „neuen Maschine“ KI schafft in ihrer Konsequenz keine Abschaffung der Arbeit, sondern eine Vergrößerung des Anteils von „Bullshit-Jobs“ in der Summe aller Jobs, die es gibt. Es muss kontrolliert werden, dass die automatisierte Produktion läuft, und in anderen Tätigkeiten muss die KI mit Befehlen gesteuert werden, um Inhalte auszuspucken, die vorher Produkte der Geisteskraft arbeitender Personen gewesen sind. Mit der Übernahme der KI im Lernbereich (Schule und Hochschule) findet eine Entwertung von damals noch hochausgebildeter Arbeitskraft statt. Wenn die tatsächliche Geisteskraft der Ingenieur:innen, oder die langjährig angeeignete Kenntnis von Arbeiter:innen in der Produktion von Waren obsolet werden (= Deskilling), werden sie es selbst. Marx spricht schon früh von der Entfremdung der lohnabhängigen Klasse von ihren Tätigkeiten. Effizienzsteigerung war historisch und ist eine kleinschrittigere Aufteilung verschiedener Arbeitsschritte im Produktionsprozess: Eine Person sägt das Stück Holz zurecht, eine zweite Person bohrt Löcher, eine dritte Person setzt Gewinde ein, … Das Ergebnis: Arbeiter:innen die in den kleinen Schritten, die sie verrichten, sehr schnell werden. Die einzelne Person ist aber, im Gegensatz zur Zeit vor der Industrialisierung, völlig entfremdet von dem Endprodukt. Die Produktion eines Stuhls umfasst nun die Beteiligung vieler Personen, die alle kleinschrittig arbeiten anstelle der einen Person, die im Gesamtproduktionsprozess involviert ist. Schon diese inkrementellen Innovationen im Produktionsprozess entfremdeten die Arbeiter:innenschaft weiter und führten zu sog. „Arbeitskrankheiten,“ wie Marx schon früh erkennt: Man erkennt den Sinn der Tätigkeit nicht mehr, weil man das Gefühl dafür verliert, woran man arbeitet. Dies ist gemeint, wenn von „Bullshit Jobs“ die Rede ist. Eine bekannte Arbeitskrankheit, die direktes Produkt dessen ist, ist bspw. Burnout.
Eine weitere Folge der Fragmentierung des Arbeitsprozesses in der Produktion und des sog. Deskillings von hochqualifizierten Fachkräften ist die Ersetzlichkeit der einzelnen Person. Wenn sich der Kapitalist durch die KI-gestützte Effizienzsteigerung die Ausbildung des Personals sparen kann, weil die Bullshit-Jobs einfach zu verrichten sind, dann verliert der:die Arbeiter:in einen wichtigen Hebel im Arbeitskampf. Damals war der hohe Ausbildungsgrad der Einzelperson etwas, was ihm:ihr Macht gegeben hat. Wenn wir mit unseren umfangreichen Kenntnissen die Arbeit in einem Streik niederlegen, dann sind wir schlechter ersetzbar, als wenn für unsere Tätigkeit keine umfangreichen Kenntnisse notwendig sind. Der Kapitalist kann uns entbehren und unser Kampf wird uns erschwert. KI wird so nicht zum Werkzeug unter dem:der Arbeiter:in, sondern eine Deskilling-Maschine im Interesse des Kapitalisten.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass KI einen direkten, oft verkannten Einfluss auf den Klassenkampf der lohnabhängigen Klasse hat und haben wird. Weil ohne menschliche Produktionsarbeit kein Mehrwert zugesetzt werden kann, wird die KI die menschliche Produktion im Kapitalismus nicht vollends ersetzen können. Der Profit des Kapitalisten lastet auf den Schultern der Ausbeutung der lohnabhängigen Klasse. KI ist in der Arbeit kein Werkzeug der lohnabhängigen Klasse, sondern eine Deskilling-Maschine, die den Arbeiter:innen ihren Hebel im Arbeitskampf raubt. Je mehr Kompetenzen wir uns durch die Vereinnahmung unserer Leben durch KI nehmen lassen, desto mehr nehmen wir uns selbst die Möglichkeit, im Klassenkampf eine Machtposition erlangen zu können. Wir brauchen Kompetenzen, wir brauchen Wissen, um das sozialistische Projekt zu verwirklichen.
Gibt es denn kein Szenario, in dem wir als Sozialist:innen, wir als Arbeiter:innen von der KI potenziell profitieren? Es lässt sich eine Lage vorstellen, in der die KI die planwirtschaftlich organisierte Produktion in der Gesellschaft automatisiert und dem:der Arbeiter:in die Möglichkeit gibt, statt Mehrarbeit nur notwendige Arbeit zu verrichten. Es bleibt diskutabel, inwieweit eine KI-gesteuerte planwirtschaftliche Produktion mit dem ökologischen Einfluss der KI verträglich für unseren Planeten wäre, selbst wenn die Fabriken nur z.B. ein halbes Jahr laufen, statt das ganze Jahr über. Kann man sich die Rechenleistung der KI auch nur in Maßen leisten? Dieses Szenario lässt sich nur am Modell diskutieren, weil wir keine vollständige realweltliche Diskussionsgrundlage haben. Es ist aber potenziell ein fruchtbares Gedankenexperiment, was Technologie nicht verneint, sondern überlegt, wie man sie sich zu Nutze machen könnte.
