{"id":3703,"date":"2026-01-27T16:03:24","date_gmt":"2026-01-27T16:03:24","guid":{"rendered":"https:\/\/resistance-info.de\/?p=3703"},"modified":"2026-01-27T16:04:44","modified_gmt":"2026-01-27T16:04:44","slug":"interview-mit-georges-ibrahim-abdallah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/resistance-info.de\/?p=3703","title":{"rendered":"Interview mit Georges Ibrahim Abdallah"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Anmerkung zur \u00dcbersetzung: Das Interview mit dem Titel: Interview: From Argentina to Lebanon: &#8222;Together, and only together, will we win.&#8220; wurde erstmals am 14. Januar 2026 in Masar Badil (Palestinian Alternative Revolutionary Patch Movement) ver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nach 41 Jahren Gefangenschaft in Frankreich wurde der libanesische Revolution\u00e4r Georges Abdallah im vergangenen Juli freigelassen und kehrte in seine Heimat zur\u00fcck. In seinem Interview erkl\u00e4rt Abdallah, wie er sich als revolution\u00e4rer K\u00e4mpfer in Gefangenschaft gesch\u00fctzt und weiterentwickelt hat. Dank der Hilfe seiner Genossen hat Abdallah nicht nur sein Land, den pal\u00e4stinensischen Widerstand und die arabische Welt, sondern die ganze Welt inspiriert und den internationalen Charakter des antiimperialistischen und antifaschistischen Kampfes nie verw\u00e4ssert: W\u00e4hrend er die ganze Welt von Argentinien bis Frankreich im Blick hatte, blieb sein Engagement f\u00fcr die arabische Revolutionsbewegung, in deren Mittelpunkt Pal\u00e4stina und der Libanon standen, unersch\u00fctterlich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Revolutionsf\u00fchrer brachte seine Freude \u00fcber die Al-Aqsa-Flut-Operation vom 7. Oktober zum Ausdruck und ist \u00fcberzeugt, dass der pal\u00e4stinensische Widerstand nach wie vor das Herzst\u00fcck der arabischen Revolution ist. Wir m\u00f6chten insbesondere auf den Teil des Interviews hinweisen der beschreibt, dass am 7. Oktober Israels \u201eSilicon Valley\u201d-Initiative untergraben wurde und dass der Staat Israel seit Ende der 1980er Jahre in privater Hand ist. Abdallahs Worten sind den Erkenntnissen des legend\u00e4ren Gr\u00fcnders der PFLP, George Habasch, aus dem Jahr 1988 in der Abhandlung \u201eUnderstanding Zionism\u201d sehr \u00e4hnlich: Habasch wies darauf hin, dass 40 Jahre nach der Gr\u00fcndung der zionistischen Entit\u00e4t diese nicht mehr eine Kolonie im Dienste des Imperialismus sei, insbesondere durch ihre erh\u00f6hten Produktionskapazit\u00e4ten im Inneren und technologische Durchbr\u00fcche und dass der Imperialismus sich in einer Position befindet, die den regionalen Ambitionen des Zionismus dient und dass \u201eGro\u00df-Israel\u201c nur mit diesem Durchbruch m\u00f6glich sei.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Von Argentinien bis zum Libanon: \u201eNur gemeinsam werden wir gewinnen.\u201c<\/h4>\n\n\n\n<p>Georges Ibrahim Abdallah ist ein kommunistischer, antiimperialistischer, antizionistischer und internationalistischer Revolution\u00e4r, der 1951 im Libanon geboren wurde. Bis heute ist Georges ein <em>Fidai<\/em>, ein Freiheitsk\u00e4mpfer, der sich einem unersch\u00fctterlichen Widerstand verschrieben hat, den das kapitalistische Welt-System ihm nie verziehen hat. Trotz 41 Jahren imperialistischer Gefangenschaft in Frankreich, in denen er die Qualen der Isolation und das Gewicht einer b\u00fcrgerlichen \u201eJustiz\u201c erdulden musste, die seinen Willen brechen wollte, wurde er schlie\u00dflich im Juli 2025 freigelassen und in den Libanon abgeschoben. Er kehrte zur\u00fcck, wie er gegangen war: als disziplinierter K\u00e4mpfer. Wie er selbst sagt: \u201eIch war ein K\u00e4mpfer in Gefangenschaft. Ich war nie ein Gefangener, der militant sein wollte; ich bin ein K\u00e4mpfer, und als solcher k\u00e4mpfe ich auch unter den Bedingungen einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Situation: der Gefangenschaft.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Das Leben von Georges Ibrahim Abdallah ist die konkrete Geschichte eines jungen Libanesen, der sich schon in sehr jungen Jahren an die Spitze der pal\u00e4stinensischen und globalen Revolution stellte. Sein Weg ist die lebendige Erinnerung an die pal\u00e4stinensische Revolution im Libanon: die Bewegung, die nach 1967 entflammte und die, obwohl sie von einer beschwichtigenden politischen F\u00fchrung verraten wurde, sich weigerte zu sterben. Stattdessen wurde sie von neuen Generationen der Entrechteten in Gaza, im Westjordanland, in Al-Quds, im Pal\u00e4stina von 1948 und in der Diaspora wiederbelebt und radikalisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Georges&#8216; Werdegang begann nicht erst mit seiner Verhaftung im Jahr 1984, sondern wurde in der Hitze der internationalistischen Offensive der 60er und 70er Jahre geschmiedet. Sein politisches Bewusstsein wurde durch den globalen Kampf gegen die US-Kriegsmaschinerie in Vietnam, die Studenten-Arbeiter-Unruhen von 1968 und Che Guevaras Aufruf zum Tricontinental von 1967 gepr\u00e4gt. Diese Kr\u00e4fte f\u00fchrten zusammen zu einem revolution\u00e4ren K\u00e4mpfer, dessen Klassen\u00fcberzeugungen seit \u00fcber einem halben Jahrhundert ein un\u00fcberwindbares Hindernis f\u00fcr das imperialistische Projekt darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die globale geopolitische Landschaft hat sich ver\u00e4ndert, aber die strukturelle Krise des Kapitals und die revolution\u00e4re Standhaftigkeit von Georges Abdallah sind geblieben. Er bleibt dem arabischen Befreiungsprojekt verankert und erkennt an, dass der Kampf f\u00fcr Pal\u00e4stina der prim\u00e4re Widerspruch ist, der gel\u00f6st werden muss, um die Region zu befreien: \u201eDie Befreiung Pal\u00e4stinas hat einen historischen und einen strategischen Wert: Sie ist der historische Hebel des arabischen Revolutionsprozesses.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am 18. Dezember 2025 trafen wir uns in Beirut, Libanon, mit Genossen von Masar Badil (Pal\u00e4stinensische Bewegung f\u00fcr einen alternativen revolution\u00e4ren Weg), um Georges Abdallah zu interviewen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Frage: Haben sich Ihre Prinzipien und \u00dcberzeugungen in den letzten vier Jahrzehnten abgeschw\u00e4cht? Wie haben Sie das ertragen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Antwort: Ich war ein K\u00e4mpfer in Gefangenschaft. Ich war nie ein Gefangener, der militant sein wollte; ich bin ein K\u00e4mpfer, und als solcher k\u00e4mpfe ich auch unter den Bedingungen einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Situation: der Gefangenschaft. Daher steht f\u00fcr mich der Kampf selbst im Vordergrund, meine pers\u00f6nliche Situation ist zweitrangig. Solange meine pers\u00f6nlichen Umst\u00e4nde die Bekr\u00e4ftigung des revolution\u00e4ren Prozesses zulassen, bin ich zufrieden. Genau das ist geschehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dementsprechend wurden meine Prinzipien durch die Genossen, die mich in diesen 41 Jahren regelm\u00e4\u00dfig besuchten, t\u00e4glich in die Praxis umgesetzt. F\u00fcr sie war die Solidarit\u00e4t mit mir lediglich ein Vorwand, um sich an der Seite des pal\u00e4stinensischen Volkes und der Massen, die es unterst\u00fctzen, am Kampf zu beteiligen. Sie war auch Ausdruck der Position der pal\u00e4stinensischen Massen innerhalb des Klassenkampfs in Frankreich. Wenn Arbeiter f\u00fcr bessere Bedingungen oder politische Forderungen mobilisierten, nahmen diejenigen, die sich mit mir solidarisierten, direkt an den Demonstrationen der CGT (Allgemeiner Gewerkschaftsbund Frankreichs) und anderer Gewerkschaften teil. Alle 20 oder 25 Tage verfasste ich au\u00dferdem einen schriftlichen Beitrag; w\u00e4hrend sie demonstrierten, \u00fcbernahm ein Genosse die Aufgabe, in meinem Namen eine Rede zu halten: eine Erkl\u00e4rung eines pal\u00e4stinensischen und arabischen Freiheitsk\u00e4mpfers hinter Gittern. So vergeht die Zeit f\u00fcr einen Revolution\u00e4r innerhalb des Kampfes, nicht au\u00dferhalb davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die Bedingungen meiner Freilassung angeht, so basierte die Entscheidung des Richters auf einer grundlegenden rechtlichen Pr\u00e4misse: Sie besagte, dass Georges Abdallah im Gef\u00e4ngnis eine gr\u00f6\u00dfere Gefahr f\u00fcr die nationale Sicherheit darstellt als au\u00dferhalb. Auf dieser Grundlage wurde ich freigelassen. Daher war meine Anwesenheit im Gef\u00e4ngnis eine militante Pr\u00e4senz. Ich ging meine Gefangenschaft mit der Logik des Kampfes an, nicht als Selbstzweck. Das bedeutet, dass ich meine Zeit im Gef\u00e4ngnis nicht damit verbracht habe, bessere Bedingungen zu fordern oder um meine Freilassung oder meine Unschuld zu bitten. Solche Dinge sind f\u00fcr mich inakzeptabel.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich vor Gericht erschien, ging ich auf die zentrale Frage der militanten Operationen in Frankreich und Europa ein. Es gab keine Beweise, die mich belasteten. Was mich \u201ebelastet\u201c, ist meine politische Haltung. Ich habe behauptet, dass diese milit\u00e4rischen Operationen richtig sind und fortgesetzt werden m\u00fcssen \u2013 nicht nur in Frankreich, sondern weltweit, insbesondere in den Regionen, die vom imperialistischen System beherrscht werden und dessen Kern bilden, das seit den 1980er Jahren Krieg gegen unser Volk f\u00fchrt. Heute ist die Lage noch schlimmer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Frage: Wie war Ihre Beziehung zur Au\u00dfenwelt w\u00e4hrend Ihrer Gefangenschaft und wie sind Sie mit den sich weiterentwickelnden Nachrichten und Ereignissen umgegangen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Antwort: Wie ich in meiner ersten Antwort bereits erw\u00e4hnt habe, bin ich ein Revolution\u00e4r in Gefangenschaft. Alle, die mich besucht haben, waren ebenfalls Revolution\u00e4re, deren Hauptaufgabe darin bestand, meine Sichtweise nach au\u00dfen zu vermitteln und zweitens meine Position als Revolution\u00e4r zu st\u00e4rken. Zu diesem Zweck versorgten mich meine Genossen mit allen notwendigen Materialien f\u00fcr meine journalistische, kulturelle und militante Ausbildung. Tats\u00e4chlich fehlte mir die Zeit, alles zu lesen, was ich lesen musste. Ich litt nicht unter zu viel Zeit, sondern eher unter Zeitmangel. Wenn ich das sage, dann nicht, um poetisch zu sein oder zu \u00fcbertreiben. Das ist die Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Jede Woche versorgten mich die Genossen allein mit f\u00fcnf Ordnern voller Zeitungsausschnitte: alles, was auf Arabisch, Franz\u00f6sisch oder Englisch \u00fcber den Libanon, Pal\u00e4stina und \u00c4gypten ver\u00f6ffentlicht wurde. Jeder Ordner umfasste etwa 90 Seiten: 450 Seiten pro Woche nur \u00fcber Nachrichten zum pal\u00e4stinensischen Kampf im Libanon, zum Stand des Widerstands und zur Volksbewegung in \u00c4gypten. Ich hatte auch Zugang zur gesamten franz\u00f6sischen Presse \u2013 sowohl zur b\u00fcrgerlichen Presse wie Le Monde und L\u2019Humanit\u00e9 als auch zu Publikationen linker Parteien, insbesondere der kleineren. So hatte ich einen umfassenden \u00dcberblick \u00fcber das gesamte verf\u00fcgbare Informations- und Kulturmaterial.<\/p>\n\n\n\n<p>Was meine theoretischen Studien angeht, so war mein Tagesablauf streng geregelt. Mein Tag begann um 8:30 Uhr, wenn ich meine Gef\u00e4ngniszelle verlie\u00df, und endete um 10:45 Uhr, wenn ich zur\u00fcckkehrte. Diese Zeit verbrachte ich mit k\u00f6rperlichen \u00dcbungen, um meinen K\u00f6rper sozusagen \u201ekampfbereit\u201c zu halten. Von 10:45 bis 11:00 Uhr: Waschen und Duschen. Von 11:00 bis 16:00 Uhr: Lesen von Briefen und Notizen von Genossen, was viel Zeit in Anspruch nahm. Von 16:00 bis 19:00 Uhr: Theoretische Lekt\u00fcre. Am Abend besch\u00e4ftigte ich mich mit theoretischen Notizen: Was ist zu tun und was ist nicht zu tun? Ich schlief nur vier Stunden und wachte um 4:00 Uhr morgens auf. Von 4:00 Uhr bis 7:00 Uhr k\u00fcmmerte ich mich um \u201ekleinere Korrespondenz\u201c, um meine Menschlichkeit zu bewahren. Das hei\u00dft, ich schrieb meiner Tochter, meinem Bruder oder anderen. Einfache Worte und Gr\u00fc\u00dfe erm\u00f6glichten es mir, mich als gew\u00f6hnlicher Mensch zu erhalten, der l\u00e4chelt, wenn er ein Kind sieht, die Sch\u00f6nheit einer Blume erkennt und die einfachen Freuden des gew\u00f6hnlichen Lebens erlebt. Um 7:00 Uhr morgens kommt der Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter, und der Gef\u00e4ngnistag beginnt. Und so war mein Tag v\u00f6llig ausgef\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Frage: K\u00f6nnten Sie etwas \u00fcber die Lebensbedingungen der pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlinge und die Lager im Libanon erz\u00e4hlen? Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage im Libanon insgesamt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Antwort: Die Pal\u00e4stinenser im Libanon sind ein organischer Bestandteil der historischen arabischen Identit\u00e4t des Libanon. Im Libanon teilen wir eine lange, gemeinsame Geschichte des Kampfes. Das seit Jahrzehnten flie\u00dfende Blut von Pal\u00e4stinensern und Libanesen bildet das Fundament unserer Identit\u00e4t als Freiheitsk\u00e4mpfer. Der revolution\u00e4re Charakter meiner Generation wurde durch die Auswirkungen der pal\u00e4stinensischen Revolution und der Widerstandsbewegung gepr\u00e4gt. Zwischen unseren libanesischen und pal\u00e4stinensischen Widerstandsparteien besteht eine tiefe, historische Synergie.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich in den Lagern gesehen habe, ist eine Realit\u00e4t, die best\u00e4tigt, dass Pal\u00e4stina nach wie vor der historische Katalysator der arabischen Revolution ist. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, bin ich Pal\u00e4stinenser, Libanese und Araber, aber vor allem bin ich Kommunist. Als solcher betrachte ich all diese Bewegungen durch die Linse der Abschaffung des Systems der totalen Ausbeutung. Die Befreiung Pal\u00e4stinas hat einen historischen und einen strategischen Wert: Sie ist der historische Hebel des arabischen Revolutionsprozesses. Man kann das eine nicht vom anderen trennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anthropologisch gesehen ist das Lager der Ort, an dem die intimste pal\u00e4stinensische Identit\u00e4t geschmiedet wurde. In gewisser Weise ist ganz Pal\u00e4stina eine Aneinanderreihung von Fl\u00fcchtlingslagern. Was man in Gaza sieht, ist ebenfalls eine Ansammlung von Lagern. Um dies zu verstehen, muss man nur f\u00fcr kurze Zeit in einer dieser Unterk\u00fcnfte leben, um zu sehen und zu erleben, wie sich das t\u00e4gliche Leben tats\u00e4chlich abspielt. Wenn man sich bewusst macht, dass dieses Leben seit 1948 und sogar schon davor besteht, kann man beginnen zu verstehen, warum die imperialistisch-zionistisch-reaktion\u00e4ren Kr\u00e4fte darauf aus sind, die Lager zu zerst\u00f6ren: Die Zerst\u00f6rung der Lager ist ein Versuch, die pal\u00e4stinensische Identit\u00e4t zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch bleiben die Lager eine unzerst\u00f6rbare Bastion der Militanz und Revolution. Sie m\u00f6gen hier ein Lager zerst\u00f6ren, aber die Pal\u00e4stinenser werden woanders hingehen und ein neues bauen. Fl\u00fcchtlingslager existieren nicht aufgrund von \u201eDesertifikation\u201d oder Armut; wir haben Lager, weil eine Macht das Land besetzt hat, auf dem diese Menschen lebten. Es gibt kein Lager in Pal\u00e4stina, das nicht mehrfach zerst\u00f6rt und wieder aufgebaut wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Libanon ist das Lager zum wichtigsten Zufluchtsort f\u00fcr die Armen des Landes geworden. Es ist nicht mehr nur \u201epal\u00e4stinensisch\u201c. An einem Ort wie Shatila sind vielleicht nur noch 20 % Pal\u00e4stinenser, der Rest sind die Entrechteten des Libanon: Syrer, Iraker und Libanesen. Es ist zu einem Brennpunkt des objektiven revolution\u00e4ren Prozesses geworden, der aus seinem direkten Widerspruch zur imperialistischen und zionistischen Strategie entstanden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sah Menschen, die trotz aller Widrigkeiten standhaft blieben. Wir sind wie alle anderen Menschen auf der Erde; wir haben keine H\u00f6rner und keine Fl\u00fcgel. Wir haben soziale Schichten, die zu Kompromissen und Kapitulation neigen. Aber wir haben eine gro\u00dfe Mehrheit, die Massen, die vor Freude jubelten, als sie israelische Soldaten weinen sahen, w\u00e4hrend die arabischen Regime und ihre Armeen nur tatenlos zusahen. Diese Massen suchen nach einer F\u00fchrung, die den Anforderungen dieses revolution\u00e4ren Moments gerecht wird. Die derzeitigen F\u00fchrer sind dieser Aufgabe vielleicht nicht gewachsen, aber letztendlich werden die Massen ihre eigene effektive F\u00fchrung schmieden und zum revolution\u00e4ren Funken werden, der die gesamte arabische Welt ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die aktuelle Lage betrifft, so ist der Libanon der einzige Ort in der arabischen Welt, wo revolution\u00e4rer Wille und \u201eunregulierte\u201c Gewehre (&#8222;Kampfgeist&#8220;) existieren. Infolgedessen werden wir einem immensen Druck ausgesetzt sein. Das gesamte imperialistische System, die mit Israel verbundenen Kr\u00e4fte und insbesondere die arabischen Reaktion\u00e4re werden ihren ganzen aufgestauten Hass und ihre reaktion\u00e4re Wut entfesseln, um uns zur Kapitulation zu zwingen. Aber unser Volk wird nicht kapitulieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden dieses Gewehr (&#8222;diesen Kampfgeist&#8220;) sch\u00fctzen. Wir werden der Funke sein, der die Regime sprengt, die derzeit die Massen in \u00c4gypten, Jordanien und den Golfprotektoraten ersticken. Das habe ich im Libanon gefunden: eine lebendige revolution\u00e4re Kraft. Ich wurde mit der f\u00fcr einen Freiheitsk\u00e4mpfer zu erwartenden Herzlichkeit empfangen, und daf\u00fcr bin ich mehr als dankbar. Ich bin im Reinen mit dem, was ich gesehen habe: die Bereitschaft der Massen zu unendlichen Opfern.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Volk hat bewiesen, dass die F\u00e4higkeit der Massen zu Sumoud (\u0635\u0645\u0648\u062f, <em>Standhaftigkeit<\/em>, Resilienz) alle Berechnungen \u00fcbertrifft. Wenn es um den Widerstand gegen die Besatzung geht, sind unsere arabischen Massen, insbesondere in Pal\u00e4stina und im Libanon, auf dem h\u00f6chsten Bewusstseinsniveau. Sie werden ihre historische Rolle erf\u00fcllen, indem sie diesen Druck aushalten, so wie das pal\u00e4stinensische Volk historisch gesehen die Last der Konfrontation mit der zionistischen Besiedlung getragen hat. Sie haben diese Last weitgehend allein getragen. Jetzt m\u00fcssen die pal\u00e4stinensischen und libanesischen Massen die Last dieser Phase tragen, damit die arabischen Massen schlie\u00dflich revoltieren k\u00f6nnen und wir uns von den Tyrannen befreien k\u00f6nnen, deren Interessen organisch mit der Bewegung des globalen Kapitals verbunden sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Frage: Wie haben Sie auf die Operation vom 7. Oktober reagiert? Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen, als sie Ihnen bekannt wurde? Was waren Ihre Eindr\u00fccke damals und was sind Ihre Eindr\u00fccke heute?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin Araber, Libanese und Pal\u00e4stinenser; ich betrachte diese Angelegenheit als eine, die alle Menschen in der arabischen Heimat betrifft. Ich bin Kommunist und analysiere dieses Ereignis daher anhand seiner globalen Auswirkungen und seines Einflusses auf die arabischen und internationalen revolution\u00e4ren Bewegungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was den milit\u00e4rischen Charakter der Operation angeht: Tats\u00e4chlich handelte es sich am 7. Oktober um eine relativ begrenzte Operation, nicht um eine gro\u00df angelegte. Die pal\u00e4stinensische Revolution dauert nun schon \u00fcber vierzig Jahre an; dass sie eine Streitmacht von mehr oder weniger tausend K\u00e4mpfern mobilisieren kann, ist eine nat\u00fcrliche Entwicklung ihres langwierigen Kampfes. W\u00e4hrend \u00e4hnliche Operationen zu erwarten waren, hatte der 7. Oktober eine Reihe weitreichender Auswirkungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der soziopolitischen Ebene \u2013 also der Ebene der unmittelbaren Reaktion der Massen \u2013 jubelten wir, wie die meisten arabischen V\u00f6lker, als wir sahen, wie ein <em>Fidai<\/em> einen zionistischen Soldaten an den Haaren aus einem Panzer zog; wir waren \u00fcbergl\u00fccklich. Nat\u00fcrlich war dies eine spontane Reaktion darauf, dass die <em>Fedayeen<\/em> genau so handelten, wie <em>Fedayeen<\/em> handeln sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir die Operation im Detail analysieren, k\u00f6nnten wir sagen, dass dies oder jenes besser h\u00e4tte gemacht werden k\u00f6nnen, aber es bleibt eine \u00e4u\u00dferst erfolgreiche Operation, die eine Realit\u00e4t aufgedeckt hat, die nicht f\u00fcr alle sichtbar war. Als Israel mit pal\u00e4stinensischer Gewalt konfrontiert wurde, reagierte es mit einer Barbarei, die seinem Charakter entspricht. Aus der Perspektive des Kapitals verwandelte diese Reaktion jedoch die gesamte Region in eine unsichere Zone, was den Kern der Sache ausmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen die Natur der israelischen Entit\u00e4t verstehen. Bis in die 1970er Jahre besa\u00df Israel keine eigenen Finanzinstitute; Banken, Versicherungsgesellschaften und gro\u00dfe Finanzorganisationen waren noch in \u00f6ffentlicher Hand. Ende der 1980er Jahre kamen etwa eine Million Siedler aus der Sowjetunion nach Pal\u00e4stina und brachten Millionen von Dollar mit. Diese Millionen kamen auf eine Weise zustande, die selbst nach kapitalistischen Ma\u00dfst\u00e4ben als \u201eillegal\u201d galt, d. h. au\u00dferhalb des rechtlichen Rahmens der kapitalistischen Produktionsweise, n\u00e4mlich durch Prostitution, Schmuggel und illegalen Handel. Diese riesige Kapitalsumme, kombiniert mit einer Siedlerbev\u00f6lkerung, die \u00fcber die w\u00e4hrend der Sowjetzeit erworbenen wissenschaftlichen F\u00e4higkeiten verf\u00fcgte, f\u00fchrte zu einem qualitativen Sprung, der es Israel erm\u00f6glichte, sein sogenanntes \u201eSilicon Valley\u201d aufzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der 7. Oktober traf dieses \u201eSilicon Valley\u201c und die seit den 1970er Jahren aufgebauten Institutionen in ihrer Gesamtheit: nicht weil es sie physisch zerst\u00f6rte, sondern weil Kapital in einem Gebiet bewaffneter Konflikte nicht sicher flie\u00dfen kann. Das war unvorhergesehen. Deshalb erlebt Israel nun seine letzten Kapitel; ohne das \u201eSilicon Valley\u201c war Netanjahus Vision eines \u201eGro\u00dfisraels\u201c ein unrealistisches Projekt. Dieser Technologie-Hub ebnet nicht nur den Weg f\u00fcr eine klassische milit\u00e4rische Besetzung, sondern auch f\u00fcr die wirtschaftliche und administrative Dominanz der gesamten Region, \u00e4hnlich wie sie \u00fcber die sogenannten Golfstaaten ausge\u00fcbt wird. Der Plan sah vor, dass der gesamte arabische Mashreq (arabische Raum, &#8222;Orient&#8220;) unter israelische Hegemonie fallen sollte; der 7. Oktober hat dieses Projekt zunichte gemacht, ohne dass man sich dieser spezifischen Dimension unbedingt bewusst war. Dies ist die grundlegende Dimension der Operation vom 7. Oktober.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich verhinderte der 7. Oktober auch die Normalisierung der Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und Israel. Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass Gaza ein riesiges Gef\u00e4ngnis ist. Der damalige Plan sah vor, dieses Gef\u00e4ngnis zu vergr\u00f6\u00dfern, aber der 7. Oktober war die Explosion dieses Gef\u00e4ngnisses, die die zionistischen Pl\u00e4ne f\u00fcr die gesamte Region ver\u00e4nderte. Der imperialistische Westen hat alles aus seinem Reservoir an Barbarei und Kriminalit\u00e4t herausgeholt, aber das pal\u00e4stinensische Volk stand trotz seiner Wunden aufrecht und gab nicht auf. Es pr\u00e4sentierte ein Modell von Sumoud, wie es die Menschheit noch nie gesehen hat: <strong>Weder in Dien Bien Phu (Vietnam) noch in Stalingrad (UdSSR) noch irgendwo sonst hat ein Volk so f\u00fcr seine Existenz gek\u00e4mpft wie die Helden von Gaza.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist die globale Solidarit\u00e4tsbewegung, die wir heute erleben, eine direkte Folge des Widerstands in Gaza. Die Massen erheben sich nicht unbedingt, um die eine oder andere bestimmte Fraktion zu verteidigen, sondern weil sie einfach die Personifizierung der Barbarei gesehen haben. Zum ersten Mal in der Geschichte wird ein V\u00f6lkermord live \u00fcbertragen und seine detaillierten Ereignisse st\u00fcndlich verfolgt. W\u00e4hrend die gesamte Geschichte der westlichen kapitalistischen Vorherrschaft eine Geschichte von V\u00f6lkermordkriegen ist, k\u00f6nnen Argentinier, Bolivianer oder Pakistaner diesen V\u00f6lkermord zum ersten Mal in Echtzeit miterleben. Das hat die Jugend zur Revolte getrieben. Was als humanit\u00e4rer Impuls begann, hat sich zu einem politischen Aufstand gegen eine wachsende Welle des globalen Faschismus entwickelt. Wir m\u00fcssen dies im Kontext einer globalen kapitalistischen Ordnung in der Krise betrachten. Wir stehen vor einem weiteren Weltkrieg, der durch interimperialistische Widerspr\u00fcche angeheizt wird. Derzeit sind faschistische Kr\u00e4fte dabei, in ganz Europa und im imperialistischen Westen an die Macht zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Zusammenhang sind die pal\u00e4stinensische Keffiyeh (Kufiya) und die pal\u00e4stinensische Flagge mehr als nur nationale Symbole geworden; sie sind einerseits universelle Zeichen des Widerstands gegen den israelischen Faschismus und andererseits Vorreiter im Kampf gegen den um sich greifenden Faschismus in Europa und der Welt. Als die Proteste ausbrachen, wurden sie zun\u00e4chst von den Beh\u00f6rden kriminalisiert. Wer eine Keffiyeh trug, musste mit Verhaftung rechnen; wer die Flagge hisste, wurde als Antisemit gebrandmarkt. Heute wird die pal\u00e4stinensische Flagge bei jeder Demonstration auf der ganzen Welt gehisst: nicht nur aus Solidarit\u00e4t mit dem Volk, sondern auch als Zeichen des Widerstands gegen den Faschismus in den eigenen L\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die israelische Entit\u00e4t ist eine organische Erweiterung des imperialistischen Westens. Historisch gesehen entstand dieser Westen durch eine Reihe von V\u00f6lkermordkriegen. Wie entstanden die Vereinigten Staaten? Nordamerika war von indigenen V\u00f6lkern bewohnt. Die Europ\u00e4er kamen und ver\u00fcbten einen totalen V\u00f6lkermord: \u00dcber 25 Millionen Menschen wurden ausgel\u00f6scht, um die \u201eVereinigten Staaten\u201d zu schaffen. Es hie\u00df nicht immer so, sondern war Nordamerika. Um es in die von Europ\u00e4ern abstammenden \u201eVereinigten Staaten\u201d zu verwandeln, wurden 25 Millionen indigene Menschen ausgel\u00f6scht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gleiche Prozess schuf Mittel- und S\u00fcdamerika oder \u201eLateinamerika\u201d. Aber woher kam diese \u201eLateinamerikanit\u00e4t\u201d? Weder die Maya noch die Inka noch die Quechua sind Lateinamerikaner. Millionen und Abermillionen wurden liquidiert, damit das Kapital sie in \u201eLateinamerikaner\u201d verwandeln konnte. Auch Australien war die Heimat der \u00e4ltesten Menschen der Erde; sie wurden liquidiert, damit Australien zu \u201eAustralien\u201d werden konnte. Eine Reihe von V\u00f6lkermordkriegen ist also der historische Prozess, durch den der imperialistische Westen entstanden ist. Israel ist die j\u00fcngste Manifestation dieses Westens, seine organische Erweiterung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das pal\u00e4stinensische Volk hat diesem V\u00f6lkermordprozess historisch gesehen standgehalten. Er begann nicht in Gaza. Er begann Ende des 19. Jahrhunderts, wobei 1948 nur einer seiner Meilensteine war. 1948 z\u00e4hlten die Pal\u00e4stinenser weniger als eine Million Menschen. Heute sind es \u00fcber 14 Millionen. Im historischen Pal\u00e4stina leben heute etwa 7,32 Millionen Pal\u00e4stinenser gegen\u00fcber 7,2 Millionen israelischen Siedlern. In jeder Hinsicht ist dieser V\u00f6lkermord ein kl\u00e4glicher Misserfolg. Das ist die Krise, in der sich das Gebilde derzeit befindet. Der 7. Oktober kam, um diesem Gebilde zu sagen: \u201eIhr habt eure Grenze erreicht. Dies ist euer letztes Kapitel.\u201c Die \u201eGewaltt\u00e4tigkeit\u201c, die wir heute im Libanon und in Gaza sehen, ist das Markenzeichen dieses letzten Kapitels. Israel kann sich in den Augen der westlichen Massen nicht l\u00e4nger als \u201eOase der Demokratie\u201c oder als \u201ehumanit\u00e4rer\u201c Vorposten pr\u00e4sentieren. Es ist nun das ultimative Symbol der Barbarei. Ohne dieses Image, das als Quelle seiner Legitimit\u00e4t dient, ist die Entit\u00e4t zum Scheitern verurteilt. Man mag ihr f\u00fcr eine gewisse Zeit zus\u00e4tzliche Waffen zur Verf\u00fcgung stellen, aber das wird die historischen Verh\u00e4ltnisse nicht grundlegend \u00e4ndern. Die Menschen gestalten die Zukunft dieses Planeten. Mit ihren primitiven Waffen haben sich die Pal\u00e4stinenser als m\u00e4chtiger erwiesen als die fortschrittlichsten Waffenarsenale der Welt. Sie haben sich im Namen des gesamten arabischen Mashreq gegen den V\u00f6lkermord gewehrt. Der vom Westen gesch\u00fcrte Siedlerkrieg richtete sich nicht nur gegen Pal\u00e4stina, sondern gegen die gesamte Region, die sie \u201eGro\u00df-Israel\u201c nennen. Aber das pal\u00e4stinensische Volk, die Avantgarde des Mashreq, hat den Preis mit den Leichen seiner Kinder bezahlt, und es hat gesiegt. Die Massen sagen ihnen nun: \u201eIhr habt es geschafft, und wir stehen hinter euch.\u201c Und sie stehen hinter Pal\u00e4stina nicht nur als indigene Bev\u00f6lkerung, sondern als entscheidender Ausgangspunkt f\u00fcr den dringenden Kampf gegen den Faschismus, der sich in ihren eigenen L\u00e4ndern ausbreitet. Das sind die wahren Auswirkungen des 7. Oktober.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Frage: Die sozio\u00f6konomische Lage ist schlechter denn je, dennoch h\u00f6ren wir Stimmen, die behaupten, der Kampf m\u00fcsse strikt friedlich bleiben. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Antwort: Auf globaler Ebene m\u00fcssen wir Folgendes feststellen: Die Lage ist instabil und explosiv. Die Bewegung des Kapitals und das kapitalistische System befinden sich in einer unheilbaren strukturellen Krise, die verschiedene Bourgeoisien in heftige Widerspr\u00fcche miteinander treibt. Zum dritten Mal in weniger als einem Jahrhundert stehen wir vor einem Dritten Weltkrieg: eine direkte Folge der kapitalistischen Krise. Das ist jedem klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Was k\u00f6nnen wir erwarten? Die Massen werden zunehmend mit dem Faschismus konfrontiert sein. Das kapitalistische System befindet sich im Umbruch und gibt das auf, was es einst als \u201erepr\u00e4sentative Demokratie\u201d bezeichnet hat. Heute sehen wir, wie Faschisten in Argentinien und Italien die Macht \u00fcbernehmen und in Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten vor den Toren der Macht stehen. Dieser gesamte Prozess f\u00fchrt zu einer massiven Verarmung der Massen, und diese Verelendung wird sich nur noch versch\u00e4rfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die dringendste Frage lautet: Wie k\u00f6nnen die revolution\u00e4ren Avantgarden gebildet werden, um die notwendigen Kr\u00e4fte f\u00fcr den Kampf gegen den Faschismus erfolgreich zu b\u00fcndeln? Um eine Antwort darauf zu finden, m\u00fcssen wir zun\u00e4chst erkennen, dass sich die Zusammensetzung der Arbeiterklasse heute von derjenigen des 20. Jahrhunderts unterscheidet. Die sogenannte \u201eenteignete\u201c Klasse macht heute die Mehrheit der Weltbev\u00f6lkerung aus. Wie wird sich diese Volksmacht innerhalb eines politischen Programms organisieren, das in der Lage ist, dem Faschismus von Argentinien \u00fcber Peru bis hin zu Frankreich entgegenzutreten?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir behaupten, dass die soziale Zusammensetzung der revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte \u2013 diejenigen, die ein materielles Interesse an revolution\u00e4ren Ver\u00e4nderungen haben \u2013 eine Mischung aus den Enteigneten, der traditionellen Arbeiterklasse und anderen ist. Dieser \u201eVolksblock\u201d entsteht durch t\u00e4gliche Praxis. Er wird in den historischen, wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Widerspr\u00fcchen unserer Zeit geschmiedet.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur gemeinsam werden wir gewinnen. Nur gemeinsam werden wir vorankommen. \u00dcberall triumphieren wir gemeinsam: in Argentinien ebenso wie in Beirut. Wir m\u00fcssen unsere Gemeinsamkeiten suchen und unsere Bewegung st\u00e4rken, um eine kollektive revolution\u00e4re Identit\u00e4t aufzubauen. Solidarit\u00e4t mit Venezuela ist heute identisch mit Solidarit\u00e4t mit Pal\u00e4stina, mit dem Volk von Kanaky (indigenes Volk Neukaledoniens, \u00dcberseegebiet Frankreichs) oder dem Volk der Karibik. Diese Solidarit\u00e4t pr\u00e4gt den historischen Charakter des Volksblocks in seiner Konfrontation mit dem globalen Kapital, einem System, das zu nichts anderem als Barbarei f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Barbarei ist das Einzige, was das Kapital noch zu bieten hat. Es hat nichts anderes. Wir sehen diese Barbarei in Gaza und im Westjordanland, wir sehen sie in Argentinien, wir sehen sie in den Slums der Hungernden, und wir sehen sie in ganz Afrika und S\u00fcdostasien. In dem Ma\u00dfe, in dem es uns gelingt, als Kollektiv auf gemeinsame Ziele hinzuarbeiten, tragen wir zum Aufbau der Identit\u00e4t dieses historischen Volksblocks bei. Dies ist die Kraft, die ein Interesse an revolution\u00e4ren Ver\u00e4nderungen hat, und sie entsteht innerhalb des Kampfes, nicht au\u00dferhalb davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch den Prozess des Kampfes werden die beschwichtigenden b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4fte herausgefiltert. Die Massen werden ihre eigenen Interessen verstehen lernen. Sie sind es, die die Welt ver\u00e4ndern werden. Die Rolle der Revolution\u00e4re und Freiheitsk\u00e4mpfer besteht darin, diesen Volksblock nach folgendem Prinzip zu mobilisieren: Gemeinsam, und nur gemeinsam, werden wir gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir gemeinsam gewinnen wollen, m\u00fcssen wir gemeinsam k\u00e4mpfen, und unser revolution\u00e4res Bewusstsein muss gemeinsam gebildet werden. Wenn der Volksblock als bewusste Kraft existiert, ebnet dies den Weg daf\u00fcr, dass er seine unmittelbaren und historischen Interessen begreift und somit die Bewegung der Geschichte selbst versteht. Das ist wahre Befreiung: Sie findet sich innerhalb dieses Prozesses, nicht au\u00dferhalb davon.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zuletzt m\u00f6chten wir eine Botschaft an unsere Genossen in Lateinamerika senden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Botschaft an die lateinamerikanischen Freiheitsk\u00e4mpfer ist klar: Wir k\u00e4mpfen denselben Kampf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Angst des Imperialismus ist, dass der antiimperialistische Kampf aufh\u00f6rt, ein abstrakter Slogan zu sein, und zu einer konkreten, legitimen Realit\u00e4t wird, die von den Massen angenommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur gemeinsam k\u00f6nnen wir siegen. Alleine k\u00f6nnen wir nicht gewinnen, zersplittert sind wir alle verloren. Wenn sich die Massen Lateinamerikas unter der pal\u00e4stinensischen Flagge mobilisieren, tun sie dies als Teil eines globalen Kampfes gegen den Faschismus. Dies ist die wirksamste Form der Solidarit\u00e4t mit pal\u00e4stinensischen Gefangenen und allen revolution\u00e4ren K\u00e4mpfern. Dieses Prinzip ist nicht nur ein Slogan, es ist eine Notwendigkeit. Die Massen Argentiniens, Pal\u00e4stinas und \u00c4gyptens haben gemeinsame Interessen gegen die Barbarei des Kapitals. Wenn sich die soziale Basis Argentiniens gegen den eigenen Faschismus mobilisiert, verteidigt sie auch Pal\u00e4stina. Jeder Sieg dort ist ein Sieg hier; jeder Triumph gegen den Imperialismus auf diesem Planeten ist ein Sieg f\u00fcr uns alle. Jeder Schritt nach vorne irgendwo auf der Welt st\u00e4rkt die globale revolution\u00e4re Kraft. Wenn das argentinische Volk in seinem Kampf vorankommt, ist dieser Fortschritt auch unser Fortschritt. Ebenso ist jeder pal\u00e4stinensische Sieg ein Sieg f\u00fcr die Menschen in Argentinien, Peru und dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die revolution\u00e4re F\u00fchrung muss verstehen, dass unsere K\u00e4mpfe Koordination erfordern. Wir m\u00fcssen lernen, miteinander umzugehen, wie es das Kapital auf globaler Ebene tut, ohne jedoch dessen interne Widerspr\u00fcche zu reproduzieren. Gemeinsam, und nur gemeinsam, werden wir siegen. Das muss heute und f\u00fcr immer unser Motto sein. So bauen wir eine globale Bewegung auf, die ein historisches Interesse an revolution\u00e4ren Ver\u00e4nderungen hat. Durch diese Solidarit\u00e4t wird eine revolution\u00e4re Internationale geschmiedet. Ob es um die Verteidigung Venezuelas, Argentiniens oder eines anderen unterdr\u00fcckten Volkes geht, der Kampf ist derselbe. Jeder Sieg in Kuba, Russland oder anderswo ist ein kollektiver Triumph. Revolution\u00e4re Anf\u00fchrer m\u00fcssen dies ber\u00fccksichtigen, wenn sie ihre Priorit\u00e4ten festlegen. Unser Feind ist das globale Kapital, unsere Verb\u00fcndeten sind die Massen. Die Identit\u00e4t der Bewegung entsteht durch diese Koordination. Der Erfolg des Kampfes spiegelt die Qualit\u00e4t seiner F\u00fchrung wider: Wenn reformistische oder reaktion\u00e4re F\u00fchrer die Oberhand gewinnen, ist das eine Niederlage f\u00fcr alle Menschen. Wenn jedoch eine revolution\u00e4re F\u00fchrung in Pal\u00e4stina erfolgreich ist, ist dies ein Sieg f\u00fcr Argentinien.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Wechselwirkung erm\u00f6glicht es uns, eine globale Kraft aufzubauen, die in der Lage ist, das kapitalistische System, ein System in permanenter Krise, zu st\u00fcrzen. Dies kann nicht mit abstrakten Reden erreicht werden, sondern nur durch die t\u00e4gliche Praxis der Einheit. Es ist unsere Pflicht, dem Feind entgegenzutreten, in Pal\u00e4stina und \u00fcberall.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anmerkung zur \u00dcbersetzung: Das Interview mit dem Titel: Interview: From Argentina to Lebanon: &#8222;Together, and only together, will we win.&#8220; wurde erstmals am 14. 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