{"id":3511,"date":"2025-09-02T17:58:24","date_gmt":"2025-09-02T17:58:24","guid":{"rendered":"https:\/\/resistance-info.de\/?p=3511"},"modified":"2025-09-02T17:59:46","modified_gmt":"2025-09-02T17:59:46","slug":"heute-vor-56-jahren-septemberstreiks-gegen-die-gewerkschaftsbuerokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/resistance-info.de\/?p=3511","title":{"rendered":"Heute vor 56 Jahren: Septemberstreiks gegen die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie"},"content":{"rendered":"\n<p>Was tun gegen die Inflation, st\u00e4ndigen Teuerungen und sinkenden L\u00f6hne? Eine Perspektive dazu bieten unter anderem die sogenannten Septemberstreiks in Deutschland im Jahr 1969. Bei den Septemberstreiks handelte es sich um eine breit organisierte und wirksame Streikbewegung von Arbeiter:innen, die mit \u00e4hnlichen Bedingungen wie heute konfrontiert wurden. Doch genau in dieser Situation schafften es die Arbeiter:innen durch einen entschlossenen Kampf ihre Rechte zu erk\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a><strong>DIE \u201eKONZERTIERTE AKTION\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a>Im Jahr 1967 erlebte Deutschland eine Rezession, wodurch die Wirtschaft in eine Stagnation geriet. Aufgrund der Krise ging das Bruttoinlandsprodukt zur\u00fcck und die Arbeitslosigkeit verdreifachte sich. Um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, initiierte die Bundesregierung der Gro\u00dfen Koalition aus CDU\/CSU und SPD eine \u201eKonzertierte Aktion\u201c, also eine Partnerschaft zwischen Unternehmen und Gewerkschaft. Zum ersten Mal sa\u00dfen die Gewerkschaften mit Vertreter:innen der Unternehmerverb\u00e4nde, Politik, Wissenschaft und der Deutschen Bundesbank an einem Tisch. Die wirtschaftliche Lage zu verbessern bedeutete f\u00fcr diesen Tisch jedoch, dass die Lohnerh\u00f6hungen \u201egesamtwirtschaftlich vertretbar\u201c sein sollten, um den R\u00fcckgang der Konjunktur aufzuhalten. In anderen Worten: Die L\u00f6hne der Arbeiter:innen sollten stark begrenzt werden und langj\u00e4hrige Tarifvertr\u00e4ge sollten f\u00fcr einige Zeit Ruhe f\u00fcr die Unternehmen schaffen. W\u00e4hrenddessen sollten die Unternehmen Investitionshilfen und andere Subventionen erhalten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a>Die Konzertierte Aktion brachte eine noch st\u00e4rkere Ausbeutung mit sich. Bis 1969 wurde die Arbeitsintensivit\u00e4t verst\u00e4rkt durch beschleunigte Akkordarbeit, w\u00e4hrend betriebliche Sozialleistungen abgebaut wurden. \u00dcberstunden erreichten Rekordh\u00f6hen. Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld, Fahrtkosten- und Kantinenzusch\u00fcsse fielen weg. Insgesamt stieg von 1966 bis Mitte 1969 die Arbeitsproduktivit\u00e4t in der Stahlindustrie um etwa 40 Prozent an. Trotz der erh\u00f6hten Ausbeutung wandte sich die IG Metall, die bereits 1966 in der Stahlindustrie eine reale Nullrunde f\u00fcr die Arbeiterl\u00f6hne akzeptiert hatte, nun auch im Jahr 1968 gegen die Forderungen der Besch\u00e4ftigten nach besseren Arbeitsbedingungen. Das Ergebnis dieser Politik waren nie zuvor gewesene Gewinnexplosionen f\u00fcr die Unternehmer:innen und ein historischer Lohnr\u00fcckstand f\u00fcr die Arbeiter:innenklasse.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a><strong>EINE BUNDESWEITE STREIKWELLE BRICHT AUS<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Umst\u00e4nde f\u00fchrten schlie\u00dflich im Sommer 1969 zum Siedepunkt: T\u00e4glich f\u00fchrten die Arbeiter:innen spontane Aktionen durch und protestierten gegen ihre Lage. Als dann noch weitere ausbeuterische Ma\u00dfnahmen wie technische Produktivit\u00e4tsf\u00f6rderung ohne Gegenleistung oder autorit\u00e4re Ma\u00dfnahmen in den Betrieben dazukamen, kochte die Stimmung endg\u00fcltig \u00fcber. Auf die Kampfbereitschaft und Forderungen der Besch\u00e4ftigten reagierten die Gewerkschaften allen voran die IG Metall und die IGBE mit Ignoranz. Dabei wurde von der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie argumentiert, dass man an die laufenden Tarifvertr\u00e4ge gebunden sei und daher nichts machen k\u00f6nne. Die w\u00fctenden Besch\u00e4ftigten lie\u00dfen sich jedoch von den Gewerkschaften und den arbeiterfeindlichen Streikgesetzen nicht bremsen und gingen selbst\u00e4ndig \u00fcber zu wilden Streiks.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a>Den ersten Funken f\u00fcr die daraufhin entstehende Streikwelle z\u00fcndeten am 2. September 1969 die 27.000 Besch\u00e4ftigten der Hoesch AG in Dortmund, indem sie in allen drei Werken die Arbeit niederlegten und einen Demonstrationszug zur Firmenleitung starteten, um 30 Pfennig pro Stunde mehr zu fordern. Schon am n\u00e4chsten Tag gab sich das Unternehmen geschlagen und akzeptierte die Forderung. An diesem Tag, den 3. September, nahmen sich die Besch\u00e4ftigten der Rheinstahl Gie\u00dferei Meiderich die Hoesch Kolleg:innen zum Vorbild und begannen ebenfalls einen selbst\u00e4ndigen Arbeitskampf. Darauf folgte schlie\u00dflich eine bundesweite Kettenreaktion, in der zehntausende Arbeiter:innen des Metall- und Bergbausektors, der Chemie- und Textilindustrie und des \u00d6ffentlichen Dienstes den Streik ausriefen. Im Ruhrgebiet und Saarland streikten vom 2. bis 19. September 1969 insgesamt 140.000 Besch\u00e4ftigte. Dies f\u00fchrte wiederum f\u00fcr mehr als 8 Millionen Besch\u00e4ftigte zu Lohnerh\u00f6hungen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a><strong>DER VERRAT DER GEWERKSCHAFTSF\u00dcHRUNGEN&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a>W\u00e4hrend Gewerkschaften wie die IG Metall auf die spontane Streikbewegung mit Ignoranz und Zur\u00fcckhaltung reagierten, stellte sich beispielsweise die IGBE noch direkter gegen die Arbeiter:innen, indem sie quasi die Rolle des Staatsanwalts spielte und die Streiks als \u201eillegal\u201c diffamierte. Auch heute ist die prokapitalistische Haltung der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie weiterhin deutlich zu erkennen, denn selbst in Krisenzeiten wie diesen wird stets eine Kooperation mit den Konzernbossen gepflegt, statt sich ernsthaft f\u00fcr die Rechte und Bed\u00fcrfnisse der Besch\u00e4ftigten einzusetzen. Genau wie am Ende der 60er Jahre werden die Lohnabh\u00e4ngigen trotz der verst\u00e4rkten Ausbeutung und der permanent sinkenden Reall\u00f6hne von den Gewerkschaftsf\u00fchrungen mit v\u00f6llig unzureichenden Tarifvertr\u00e4gen hinters Licht gef\u00fchrt. Hier stellt sich auch die Frage, wie lange das arbeiterfeindliche Streikgesetz in Deutschland noch Bestand haben soll, wenn es laut Gesetz legale Streiks nur im Rahmen von Tarifverhandlungen geben kann, diese jedoch nur alle paar Jahre stattfinden. Gerade in der aktuellen Zeit wird dies von den Lohnabh\u00e4ngigen vermehrt hinterfragt werden, denn t\u00e4glich steigen die Kosten, w\u00e4hrend die tariflich geregelten L\u00f6hne f\u00fcr mehrere Jahre gleich bleiben sollen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a>In diesem Zusammenhang spielen die k\u00e4mpferischen Besch\u00e4ftigten der Septemberstreiks 1969 eine wichtige Vorbildrolle f\u00fcr die heutigen Lohnabh\u00e4ngigen, die zunehmend in schweren Zeiten leben. Werden sie gegen ihre immer st\u00e4rkere Ausbeutung und die Abw\u00e4lzung der Krisenlasten auf ihrem R\u00fccken entschlossen vorgehen, indem sie wie 1969 gemeinsam und solidarisch jegliche gesetzlichen und gewerkschaftlichen H\u00fcrden \u00fcberwinden? Hierbei wird es neben dem Kampfeswillen der Belegschaften vor allem auch auf die Solidarit\u00e4t in der Bev\u00f6lkerung ankommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was tun gegen die Inflation, st\u00e4ndigen Teuerungen und sinkenden L\u00f6hne? Eine Perspektive dazu bieten unter anderem die sogenannten Septemberstreiks in Deutschland im Jahr 1969. 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