{"id":1293,"date":"2021-03-07T18:32:29","date_gmt":"2021-03-07T18:32:29","guid":{"rendered":"https:\/\/resistance-international.de\/?p=1293"},"modified":"2021-03-07T19:09:06","modified_gmt":"2021-03-07T19:09:06","slug":"teil-2-interview-sie-schulden-uns-eine-jugend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/resistance-info.de\/?p=1293","title":{"rendered":"Teil 2: Interview &#8211; &#8222;Sie schulden uns eine Jugend!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Gestern wurde der 1. Teil des Interviews mit den in Berlin lebenden Absolvent:innen der Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t ver\u00f6ffentlicht. Jeden Samstag organisieren diese in Berlin Solidarit\u00e4tskundgebungen und erfahren Zuspruch. Dies sind ihre Gedanken zum Widerstand. <\/em><\/p>\n<p>5. Habt ihr Kontakt zu den Studierenden in der T\u00fcrkei? Wie sieht eure Unterst\u00fctzung<br \/>\ndiesbez\u00fcglich aus?<\/p>\n<p><em>Nihal<\/em>: Nat\u00fcrlich schl\u00e4gt unser Herz international. Wir wollen aber eigentlich Europa zeigen, was in der T\u00fcrkei passiert und wir wollen die hiesigen Stimmen der dortigen Studierenden sein. Wir sind aber selbstverst\u00e4ndlich mit den Studierenden oder mit anderen Organisationen von dort in Kontakt. Wir \u00fcberbringen z.B. ihre Videos, ihre Proteste und ihre Nachrichten. In der T\u00fcrkei sind die Studierenden gerade ungef\u00e4hr bei ihrem 50. Protesttag. Aber aktuell ist es so, dass an Wochenenden Ausgangssperren gelten. Deshalb organisieren wir unsere Kundgebungen immer am Wochenende, um die Dauerhaftigkeit der Proteste zu zeigen. W\u00e4hrend die Studierenden dort also gezwungenerma\u00dfen am Wochenende zu Hause sitzen, lassen wir sie \u00fcber eine Live-\u00dcbertragung an den Protesten hier teilnehmen. So entsteht eine Dauerhaftigkeit. Aber nicht nur in Berlin wird protestiert &#8211; auch in Paris, in \u00d6sterreich und auch in Amerika gibt es Proteste. Ich m\u00f6chte betonen, dass wir bei jeder Kundgebung die Namen der Festgenommenen verlesen und mit \u201ehier\u201c antworten. Sie haben diese Videos gesehen und haben uns mitgeteilt, dass sie sichtlich ber\u00fchrt waren. Wir haben ihnen diese Woche au\u00dferdem Postkarten ins Gef\u00e4ngnis zugesendet. Das Wichtigste ist, ihnen irgendwie sagen zu k\u00f6nnen: \u201eWir sind bei euch und ihr habt in Berlin ein zu Hause!\u201c. Das Wichtigste ist, dass sie f\u00fchlen, dass wir bei ihnen sind. Das ist derzeit unsere gr\u00f6\u00dfte Pflicht.<\/p>\n<p><em>Mehmet<\/em>: Ich kann mir die Bewegung auch gar nicht unabh\u00e4ngig von der T\u00fcrkei vorstellen. Wir verfolgen und beobachten selbstverst\u00e4ndlich die dortigen Proteste. Je nach dem richten wir unseren Protest aus. Wir versuchen uns anzupassen. Wir versuchen, ihnen den Vortritt zu geben. Wir d\u00fcrfen aber auch nicht vergessen, dass es unter uns auch welche gibt, die gar keinen Kontakt zu den Studierenden an der Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t haben. Wir haben uns eher \u00fcber pers\u00f6nliche Freundschaften und \u00fcber den Wunsch zu unterst\u00fctzen organisiert. Es gibt also keine offizielle Berliner Gruppe, die sich direkt mit den Studierenden in Kontakt setzt. Jede Gruppe im Ausland ist f\u00fcr sich und organisiert das auch f\u00fcr sich. Die einen schauen auf die anderen und wir lernen voneinander.<\/p>\n<p>6. Gibt es Unterst\u00fctzung von der hier lebenden t\u00fcrkeist\u00e4mmigen Community?<\/p>\n<p><em>Nihal<\/em>: Auf jeden Fall gibt es diese Unterst\u00fctzung. Es kamen auch Vertreter:innen bestimmter Parteien. Wir haben sowieso auf jeder Kundgebung ein offenes Mikrofon. Jede Person, die auf die Kundgebung kommt, kann das Wort ergreifen. Bei uns gibt es da keine Zensur. Bestimmte politische Parteien kommen, aber auch \u00e4ltere, nicht organisierte Menschen sind am Start. Vertreter:innen aus der kurdischen Bewegung kommen auch. Mitglieder der Partei <em>die Linke<\/em> kommen auch schon mal. Auch Menschen aus der LGBTQ-Community schauen vorbei. Es ist also eine Kundgebung, die sehr verschiedene Gruppen zusammen bringt und genau das gestaltet sich als schwierig. Wir versuchen etwas \u00dcberparteiisches zusammenzubringen.<\/p>\n<p><em>Mehmet<\/em>: Da die hier lebende Anzahl von T\u00fcrkeist\u00e4mmigen stark ist, ist das Interesse entsprechend gro\u00df. Das Herz vieler hier lebenden T\u00fcrkeist\u00e4mmigen schl\u00e4gt in der T\u00fcrkei. Von daher gibt es eine gro\u00dfe Anzahl an Teilnehmenden und Unterst\u00fctzer:innen.<\/p>\n<p>7. Weckt ihr das Interesse der deutschen Presse?<\/p>\n<p><em>Mehmet<\/em>: Auf einem Treffen von uns vor ca. zwei Wochen, als wir die Zukunft unserer Proteste besprachen, fiel uns aus, dass der Protest der Studiernden erst jetzt in Europa zum Gespr\u00e4chsstoff wird. In der T\u00fcrkei hingegen hat sich die Tagesordnung bereits ge\u00e4ndert. Wir versuchen eigentlich schon seit acht Wochen die Aufmerksamkeit der Presse zu erreichen, aber erst jetzt haben wir das geschafft. Erst jetzt haben einige Medien unsere Anfragen gelesen und schreiben uns &#8211; z.B. die <em>faz<\/em> oder <em>Deutschlandfunk<\/em>. Neulich hatten wir eine Livesendung bei <em>\u201cAvrupa Forum\u201d.<\/em><\/p>\n<p><em>Nihal<\/em>: Es gibt auf jeden Fall Medien, die uns von Anfang an unterst\u00fctzen. Nicht nur die deutschen Medien, auch internationale Medien, z.B. aus den USA, versuchen \u00fcber soziale Medien den Kontakt zu uns herzustellen. Manchmal gibt es auch diejenigen, die z.B. zu einem bestimmten Thema forschen und uns deshalb kontakieren. Da filtern wir auch schon mal die Anfragen. Manchmal gibt es eben diejenigen, die allgemein \u00fcber uns berichten wollen und manchmal diejenigen, die in Bezug auf bestimmte Themen \u00fcber uns berichten wollen z.B. zur LGBTQ. Auch werden wir Berliner gerne als \u201cBr\u00fccke\u201d zu den Studierenden in der T\u00fcrkei gesehen und deshalb angeschrieben, um den Kontakt zu den in der T\u00fcrkei lebenden protestierenden Jugendlichen herzustellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>8. Zum Schluss: Gibt es noch etwas, was wir gerne noch sagen wollt?<\/p>\n<p><em>Nihal<\/em>: Ganz oft beschr\u00e4nken wir uns auf die Entlassung von Melih Bulu. Aber meint ihr wirklich, es wird sich etwas \u00e4ndern, wenn Melih Bulu weg ist? Nein. Sie schulden uns eine Jugend! Und so wie ein Freund aus dem Gef\u00e4ngnis gesagt hat: \u201cWeder ihr seid drau\u00dfen noch wir hier eingesperrt\u201d.<\/p>\n<p><em>Mehmet<\/em>: Die Entlassung von Melih Bulu stellt sich vielmehr als ein Tropfen Wasser auf die brennende Ungerechtigkeit dar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern wurde der 1. Teil des Interviews mit den in Berlin lebenden Absolvent:innen der Bo\u011fazi\u00e7i Universit\u00e4t ver\u00f6ffentlicht. 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