9. Juni 2026

Wütende Student:innen in Pakistan

In Lahore, der Hauptstadt der pakistanischen Provinz Punjab, löste die Misshandlung einer Studentin durch einen Wachmann im Keller des Punjab Women’s College Campus in der vergangenen Woche eine Welle von Protesten aus. Die Proteste, die in Lahore begannen, breiteten sich schnell auf viele Städte aus und Tausende von Student:innen gingen auf die Straße. Massenhafte Studentenproteste breiteten sich in vielen Städten wie Lahore, Jhelum, Rawalpindi, Faisalabad, Gujranwala, Lala Musa, Kharian und Gujrat aus.

In Lahore versammelten sich die Student:innen vor der Universität, setzten den Parkplatz in Brand und warfen die Fenster und Türen des Universitätsgebäudes ein. In Rawalpindi blockierten die Student:innen die Straßen, indem sie Feuer legten und mit der Polizei zusammenstießen. Die Polizei ging mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die Student:innen vor. 250 Menschen wurden bei der Protestdemonstration festgenommen. Berichten zufolge wurden Dutzende von Student:innen bei den Protesten in verschiedenen Städten der Provinz Punjab verletzt. 

Die Proteste verschärften sich erneut, nachdem der Ministerpräsident von Punjab, Maryam Nawaz, diese Nachricht in einer Erklärung gegenüber dem lokalen Fernsehsender Geonews dementiert und die Vergewaltigungsnachrichten als Propaganda bezeichnet hatte. Während der Proteste wurde ein Wachmann auf dem Campus der Universität in Gujrat getötet. Mehr als 450 Student:innen wurden im Rahmen von Ermittlungen zu Angriffen und Beschädigungen auf dem Universitätsgelände in Lahore, Lala Musa und Kharian angeklagt. Berichten zufolge wurden an nur einem Tag 380 Personen unter dem Vorwurf der „Brandstiftung und des Vandalismus“ festgenommen und Ermittlungen gegen sie eingeleitet. Darüber hinaus nahmen Strafverfolgungsbehörden, die davor gewarnt hatten, Menschen in den sozialen Medien zu verfolgen, mehrere Personen wegen der Verbreitung von Nachrichten über Vergewaltigungen fest.Am Donnerstag verhängte die Provinzregierung ein Demonstrationsverbot in Punjab und schloss Bildungseinrichtungen für zwei Tage, um Proteste zu unterdrücken.

Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist in Pakistan weit verbreitet. In dem Land, in dem ein reaktionärer Konservatismus weit verbreitet und das Regime religiös-reaktionär ist, führt die Angst vor einer „Stigmatisierung“ dazu, dass Frauen, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind, schweigen und Übergriffe oft nicht bei den zuständigen Institutionen gemeldet werden. Proteste gegen sexuelle Gewalt sind ebenfalls selten. Die Organisation für nachhaltige soziale Entwicklung berichtete, dass im Jahr 2023 in Pakistan 7.010 Fälle von Vergewaltigung gemeldet wurden, von denen sich etwa 95 % im Punjab ereigneten. Die Organisation schätzt, dass die tatsächliche Zahl viel höher ist als gemeldet, was auf das „soziale Stigma“ in Pakistan zurückzuführen ist, das Frauen davon abhält Hilfe zu suchen. Frauenrechtsgruppen setzen sich vehement für Veränderungen ein, stoßen dabei aber auf großen Widerstand. Staatliche Institutionen, Polizei und Gerichte, versagen beim Schutz der Frauen und bei der Durchsetzung des Rechts. Dies führt dazu, dass Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, den staatlichen Institutionen misstrauen und es aufgeben, ihre Rechte einzufordern. Diese Proteste zeigen jedoch, dass junge Frauen genug sagen und sich dagegen wehren und auf die Straße gehen, um Rechenschaft zu fordern. 

Die Proteste begannen spontan. Studentenorganisationen sind in Pakistan seit 1984 verboten. Deshalb ist die Wut der Student:innen in Lahore, die sich auf der Straße entlud und gewaltsam explodierte, so wichtig. Die Massen junger Menschen zeigen, dass sie sich nicht nur mit dem aktuellen Problem befassen, sondern auch Teil eines umfassenderen Strebens nach sozialem Wandel sind. Sie gehen jetzt auf die Straße, um ihre Unzufriedenheit mit dem herrschenden System zum Ausdruck zu bringen.